Freitag, 29. Mai 2009

von Felten Welten-Productions* präsentiert

Ganz und gar nicht egal

Am Abend bin ich zum Bahnhof spaziert. Ich war noch etwas früh, etwas zu früh. Ich habe eine Cola getrunken am Bahnhof, weil ich eben noch etwas früh war. Oder war es ein Bier? Ich kann mich gar nicht mehr erinnern... Aber es ist eigentlich ganz egal, was es war. Ich sass also da und trank etwas, ein Bier oder eine Cola, wahrscheinlich. Irgendwann ist der Zug eingefahren. Ich bin aufgestanden. Bezahlt habe ich zuerst noch, dann bin ich aufgestanden. Es war heiss. Die Sonne schien. Sie schien wieder! Nein, eigentlich schien sie gar nicht. Sie brannte viel mehr am Himmel, verbrannte meine Haut, und meine Gedanken brannte sie weg. Später sass ich an einem Tisch. Das weiss ich noch. Das Tischtuch muss einmal rot gewesen sein. Jetzt war es etwas verblichen, schon fast rosarot - von der Sonne, vielleicht auch vom Regen. Es hatte Holzstühle, so Holzstühle, die man zusammenklappen kann. Aber das ist eigentlich gar nicht so wichtig. Das Essen war wirklich gut, glaube ich. Es war gut gewürzt, glaube ich. Es gab eine Vorspeise mit Balsamico und danach Spaghetti oder Tagliatelle oder sonst etwas. Und der Wein, er hat auch ganz gut geschmeckt. Ein italienischer Wein, irgend so ein Barolo, glaube ich. Der Espresso danach war stark - stark, süss und gut. Es lief Reggae im Hintergrund, irgend so ein Lied von Bob Marley. Vielleicht Jammin' oder No Woman no Cry. Vielleicht war es aber auch Jimmy Cliff, der sang. Ich habe nicht richtig hingehört. Aber eigentlich ist das alles gar nicht so wichtig. Eigentlich ist das alles sogar egal, ganz egal. Die Sonne hätte auch nicht scheinen brauchen. Es war mir ganz egal. Da man am Abend isst, habe ich versucht zu essen. Der Wein lief angenehm meinen Gaumen hinunter, aber die Teigwaren schienen irgendwo stecken zu bleiben. Eigentlich wollten sie gar nicht erst in meinen Mund geführt werden. Sie wollten auf dem Teller liegen bleiben. Sie wollten dort kalt werden. Oder vielleicht hätten sie auch gar nie bestellt werden wollen, gar nie gekocht werden wollen. Aber weil man am Abend etwas isst, habe ich sie bestellt. Der Koch hat sie gekocht, und ich habe sie dann dazu gezwungen in meinem Mund hin und her geschoben zu werden. Aber der Espresso, der war dann wieder gut - stark, süss und gut. Ich habe etwas erzählt. Eine Geschichte vielleicht oder vielleicht auch eine Lüge. Vielleicht habe ich auch nichts gesagt, gar nichts... Die Sonne hat meine Gedanken weg gebrannt. Und ich sass da, zuerst vor der Vorspeise, dann vor den Teigwaren, dann vor dem Espresso, dem Grappa, dann vor dem leeren Tisch, vor dem vollen Aschenbecher. Ich sass da und dachte nichts, vielleicht dachte ich auch etwas, vielleicht erzählte ich auch etwas - eine Geschichte oder vielleicht sogar eine Lüge. Aber eigentlich ist das alles ganz egal. Warum erzähle überhaupt eine Geschichte, die so ganz egal ist? Oder ist es eine Lüge? Jedenfalls bin ich irgendwann aufgestanden. Zuerst habe ich noch bezahlt - oder hast du bezahlt? Jemand hat zuerst bezahlt, bevor wir aufgestanden sind, glaube ich. Es war wahrscheinlich schon dunkel, als ich gegangen bin, aber kalt war es nicht. Da bin ich mir ganz sicher. Ich war dann irgendwann zu Hause. Jedenfalls bin ich am Morgen erwacht - und die Sonne schien. Sie schien wieder! Nein, eigentlich schien sie gar nicht. Sie brannte viel mehr vom Himmel. Aber warum erzähle ich überhaupt eine Geschichte, die so ganz egal ist? Die Geschichte ist nicht egal. Nur die Worte... Die Worte sind irgendwie egal. Egal. Hauptsache die Sonne scheint wieder. Obwohl... eigentlich ist das ja auch ganz egal. Aber dass du da warst, das war nicht egal, ganz und gar nicht egal.


für D.M.

* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Dienstag, 19. Mai 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Ungerobsi u hingerfürschi













* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Montag, 18. Mai 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Warten

Jeden Tag aufstehen. Jeden Tag Kaffee trinken – starken, schwarzen Espresso mit viel Zucker. Jeden Tag essen. Jeden Tag trinken – möglichst viel, am besten Wasser, drei Liter wäre gut, drei Liter Wasser, jeden Tag. Jeden Tag warten, auf den Zug, den Bus, den verpassten Bus, auf einen besseren Tag, einen schönen Tag, einen Tag mit viel Sonne, viel Freude. Am besten sind Wochenenden, Samstage mit viel Sonne, aber nicht zu heiss, wenn möglich nicht zu heisse Samstage, aber mit Sonne. Am Samstag weiss man, dass noch ein freier Tag folgt, wenn möglich ebenfalls mit Sonne, viel Sonne – aber nicht zu heiss. Auf den Sonntag wartet man nicht, weil Sonntage sind doof. Man weiss, dass am nächsten Tag wieder Montag ist. Das macht traurig. Das macht müde, manchmal auch wütend, manchmal lustlos. Montage sind immer doof, weil man aufstehen muss, früh aufstehen – fast immer. Ausser man hat frei am Montag, dann ist Sonntag, wie Samstag, wenn möglich mit viel Sonne, einfach wenn möglich mit Sonne, aber nicht zu heiss, etwas Schatten wäre gut und vielleicht noch ein Bier – natürlich erst am Abend. Ein kühles Bier an einem sonnigen Samstagabend, oder an einem sonnigen Sonntagabend, natürlich nur, wenn man am Montag dann frei hat, was selten ist – dann ist aber der Sonntag sowieso wie Samstag. Das ist gut. Am Montag wartet man auf Dienstag, oder schon aufs Wochenende, auf ein sonniges Wochenende, auf Samstag. Am Dienstag, am Mittwoch, am Donnerstag und auch noch am Freitag: Warten. Warten habe ich schon immer gehasst – immer! Ich verpasse manchmal den Zug, weil ich so knapp aus dem Haus gehe, damit ich nicht am Bahnhof warten muss. Wenn ich einen Anruf erwarte, schalte ich manchmal das Telfon aus, damit ich nicht auf das Klingeln warten muss. Aber eigentlich besteht das Leben aus warten – so oft: warten. Erwarten, abwarten, warten, warten... Man kann eine Zigarette rauchen, um das Warten in eine Handlung zu verwandeln. Man wartet trotzdem. Man kann Musik hören, ein Bier trinken, beobachten, denken. Man wartet trotzdem. Ich hasse warten – immer. Warten macht nervös. Und je nach dem, auf was man wartet, je nach Grösse der bevorstehenden Erwartung, mag man nicht einmal mehr essen, mag man nicht mehr... Besser aber man macht etwas, um nicht bewusst zu warten, nicht bewusst auf den Zug zu warten, nicht bewusst auf den verpassten Bus zu warten, nicht auf den Anruf zu warten, nicht auf das sonnige Wochenende zu warten (vielleicht regnet es ja am Wochenende, und verregnete Wochenenden sind nicht wartenswert). Am Morgen wartet man auf den Mittag, nach dem Mittag auf den Abend, im Winter auf den Frühling, den Sommer. Im Kindergarten wartet man auf die Schulzeit, in der Schule auf die Selbständigkeit. Man wartet auf eine neue Anstellung, eine gute Nachricht, manchmal kommt aber dann eine schlechte – oft sogar. Man wartet. Wartet. Und am Ende... Am Ende hat das Warten ein Ende. Der Tod. Aber auf den wartet man eigentlich nicht. Man wartet auf alles, was vorher ist. Man wartet, um zu warten, um zu warten, um zu warten, um zu warten, um zu warten (u.s.w) und um wieder zu warten. Aber am Ende... Ich habe warten schon immer gehasst – immer...


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Mittwoch, 13. Mai 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Die gelben Schuhe,
an die Kindheit

Der blutrote Lippenstift passt gut zu schwarz. Er passt gut zu weiss und zu grau und zu anthrazit. Er passt nicht zu anderen Farben. Aber zu schwarz, weiss, grau und anthrazit passt er wunderbar, und sie trägt immer schwarz und manchmal weiss, manchmal grau oder anthrazit, und dazu trägt sie immer den blutroten Lippenstift - am Morgen etwas dezenter als am Nachmittag, aber dennoch nicht so stark wie am Abend. Das ist eine unausgesprochene Regel, die genau gleich funktioniert wie die Absatzschuhregel: Je später der Tag, desto höher die Absätze - am Morgen keine und am Abend darf man dann die Bleistiftabsatzschuhe aus dem Regal nehmen. Macht frau es nicht so, läuft sie Gefahr, billig zu wirken - wurde ihr einmal gesagt. Und an solche Regeln versucht sie sich zu halten - je älter sie wird, desto wichtiger erscheinen ihr diese ungeschriebenen Gesetze. Aber an diesem Tag trug sie sowieso sie keine Absatzschuhe, obwohl schon Nachmittag war, und sie trug auch den Lippenstift nicht. Sie trug gelbe Schuhe, und Blutrot passt nun einmal nicht zu Gelb, passt nicht zum Frühlingssonnengelb ihrer Schuhe. Die gelben Schuhe unter ihr trugen ihre Füsse, trugen sie über den grauen Teer, trugen sie weiter über kiesbedeckte Erdwege. Sie schaute immerzu die Schuhe an, wie sie sie trugen, wie sie Staub aufwirbelten, wie sie Steinchen anschubsten. Sie ging immer weiter, bis das Frühlingssonnengelb auf grünes Gras trat. Da blickte sie auf, erst da. Sie stand endlich auf der kleinen Wiese, bedeckt von gelben, weissen und violetten Punkten - gelb-weiss-violette Punktblumen. Mitten auf dem grün-gelb-weiss-violetten und ein bisschen braunen Gras breitete sie ihre Arme aus und drehete sich im Kreis - einmal, zweimal... An ihr zogen die Bäume vorbei, der Zaun, wieder die Bäume und dann und wann ein gelber Schuh, die Bäume, der Zaun
(...) und dann und wann ein weißer Elefant. (Zitat aus das Karussell, Jardin du Luxembourg, Rainer Maria Rilke)
Sie liess sich aus der Drehung heraus fallen, auf das weiche Gras (vielleicht fiel sie auch gezwungenermassen, weil ihr schwindlig wurde) und schloss die Augen. Die Erde drehte weiter ihre Kreise. Oder drehte sie weiter? Oder vielleicht das Karussell? Farben umkreisen sie
(...) und
dann und wann ein weißer Elefant.
Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet (...)
(Zitat aus das Karussell)
Sie blieb liegen, bis die Welt wieder still stand, bis der weisse Elefant still stand und verschwand. Sie blieb liegen und dachte an nichts, schaute nur dem Farbenspiel zu, bis auch die Farben wieder verschwanden und vor ihr nur noch schwarz war - schwarz, grau und ein bisschen anthrazit. Dann öffnete sie wieder die Augen, erst dann. Sie stand auf und senkte ihren Blick zu den gelben Schuhen. Sie breitete ihre Arme aus, mitten auf dem grün-gelb-weiss-violetten und ein bisschen braunen Gras und drehte sich im Kreis - dreimal, viermal...
(...) und dann und wann ein weißer Elefant.
Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel . . .
(Zitat aus das Karussell)
Und sie lässt sich wieder fallen, schliesst die Augen, immer wieder, immer wieder. Ist das Spiel beendet, beginnt es wieder von vorne. Als der Tag zu Ende geht, tragen sie die gelben Schuhe, die in der Dunkelheit antrazit-grau-schwarz wirken, zurück über den kiesbedeckten Erdweg, zurück über den Teer - zurück zum Blutrot. Es ist ja jetzt Abend, und am Abend trägt man Absatzschuhe, wenn möglich Bleistiftabsatzschuhe und stark aufgetragenen, blutroten Lippenstift. Das ist so...


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Dienstag, 5. Mai 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Für alle Brunos

Es gibt Namen, die sind einfach. Sie sind einfach Namen, seit ich im Sandkasten gespielt habe. Man muss sie nicht hinterfragen, weil sie sind: Thomas, Christian, Andrea, Rahel, Stefan, Michael, Karin, Sara. Dann gibt es noch Namen für Erwachsene. Die muss man auch nicht hinterfragen. Das sind Namen für Erwachsene: Peter, Urs, Käthi, Werner, Vreni, und Namen für Alte sind einfach Namen für Alte: Hans, Fritz, Marie, Mina, Gertrud, Max. Manchmal gibt es auch Menschen, die heissen nicht so, wie sie heissen sollten. Sie heissen nicht, wie sie aussehen. Ein runder Kopf, zwei blaue Knopfaugen. Benedikt, stellt er sich vor. Benedikt? Er müsste Christian heissen mit seinen blauen Knopfaugen und dem runden Kopf, Christian. Eine Brille, braune Haare, verschmitzter Gesichtsausdruck. Das ist ein Stefan. Aber Stefan heisst Jürg... Jürg? Ein Jürg ist gross, hat blonde Haare und einen langen Hals, eigentlich... Dann gibt es noch Rolf (siehe auch: Für alle Rölfe, ein Beitrag auf diesem Blog) und es gibt Bruno. Ich habe im Kindergarten den ersten Bruno kennen gelernt. Bruno hatte braunes, krauses Haar, braune Augen - klar, dass das ein Bruno ist (Bruno, ein abgeleiteter Name vom schweizerdeutschen Wort brun für das deutsche Wort braun. In Deutschland würde Bruno Folge dessen Brauno heissen, in Frankreich Brunau, sprich Brüno, und im englischen Sprachraum Browno, sprich Brauno). Später habe ich zwei weitere Brunos (das Plural von Bruno ist im Frz. übrigens sehr einfach: Brunaux, wie Bureau zu Bureaux wird) kennen gelernt. Beide Brunos - oder eben: beide Brunaux - hatten braune Haare, braune Augen. Sonst würden sie ja nicht Bruno heissen, sondern vielleicht Christian oder Reto (Reto, eine Vermischung aus dem deutschen ursrünglichen Namen Roto und dem englischen Namen Redo für rothaarige Menschen. Re + to = Reto). Aber da sie nun einmal braunhaarig sind, die Brunos, heissen sie eben Bruno und nicht Christian oder Reto. Diese Theorie hat funktioniert, bis ich Bruno begegnet bin. Ein Jürg, der Bruno heisst... blondes Haar, blaue Augen. Er heisst nicht Jürg. Er heisst auch nicht Blondo oder Blauo (diese Namen gibt es ja auch nicht...). Er heisst Bruno, und mein ganzes Weltbild war durcheinander - für eine Weile. Bruno, also der blonde Bruno, trug nämlich immer Kleidung in Brauntönen (manchmal auch olive, aber olive passt zu braun, finde ich, passt zu Bruno). Zum Glück, habe ich dann gedacht, zum Glück haben ihn seine Eltern nicht Pinko genannt!


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Mittwoch, 29. April 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Ohne Titel

Bestimmt eine Stunde habe ich zugeschaut, wie du den Salat gefressen hast. Ich lag auf dem Bauch. Den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt, fühlte ich den harten, kalten Steinboden unter meinen Rippen. Eigentlich habe ich mich aus Langeweile zu dir gelegt. Ich wollte nichts mehr denken und schon gar nichts mehr machen. Meine Gedanken haben sich die ganze Zeit im Kreis gedreht. Eigentlich wollte ich mich fragen, wie es weiter gehen soll, wie meine Pläne aussehen könnten. Dafür bin ich extra so weit gereist, um Klarheit zu gewinnen, Klarheit gewinnen aus der Distanz. Aber immer, wenn ich glaubte, endlich einen klaren Gedanken gefasst zu haben, entwischte er wieder, weil das Bild seines Gesichtes mitten im gedankliche Konstrukt auftauchte, und ich fragte mich, was er wohl gerade macht. Das hat mich müde gemacht - müde und wütend. Deshalb habe ich mich zu dir gelegt. Es war schon kühl geworden draussen, und der harte Plattenboden lud eigentlich auch nicht ein, bäuchlings darauf zu verweilen. Du hast aber meine ganze Aufmerksamkeit auf dich gelenkt, als ich mich etwa um neun vom weissen Plastikstuhl erhob, um den Rotwein aus der Küche zu holen. Zuerst habe ich nur ein Salatblatt gesehen, das mir beim Auftischen versehentlich vom Teller gefallen sein muss. Ich wollte es weg wischen, und erst in diesem Moment bist du mir aufgefallen. Ich habe mir ein Glas Wein geholt und mich neben dich gelegt. Wahrscheinlich bist du aus dem benachbarten Garten gekommen. Eine feine Schelimspur zeigte jedenfalls in diese Richtung. Ich habe mich ganz nahe zu dir gelegt, weil es schon dunkel war, und weil ich genau sehen wollte, wie du das grüne Blatt verzehrst. Es ging lange, sehr lange bis du das Blatt aufgefressen hast. Zuerst hast du es von allen Seiten begutachtet, mit deinen Fühlern befühlt, dann hast du an einer Ecke angefangen zu knabbern. Immer wieder hast du eine Pause eingelegt, um dann wieder an einer anderen Ecke weiterzufressen. Als du das erste Blatt endlich vertilgt hast, habe ich dir weitere Blätter gebracht. Ich habe Karotten zerkleinert - ich glaube, die haben dir besonders geschmeckt - und Rucola gehackt. Als nichts mehr da war, hast du den Rückweg angetreten. Du hast dich langsam gedreht, Richtung rote Mauer und bist gegangen. Ich habe dir noch eine Weile zugeschaut, und erst als du in der Dunkelheit verschwunden warst, habe ich bemerkt, dass mich meine Rippen schmerzen. Am nächsten Abend um punkt neun warst du wieder im Anmarsch. Ich habe dir wieder Salat bereit gelegt und mich zu dir gelegt. So vergingen die Abende dort. Am Nachmittag bin ich manchmal spazieren gegangen, oder ich habe den Wellen zugeschaut und versucht Bücher zu lesen. Am Abend habe ich gekocht, Spaghetti mit Tomatensauce, einen Rotwein geöffnet und für dich Salat geschnippelt. Du bist immer gekommen, immer um neun, und wir haben die Zeit zusammen verbracht. Ich habe vergessen nachzudenken. Ich habe vergessen, Pläne zu machen. Ich habe vergessen, Ideen zu entwickeln. Ich habe vergessen, ihn zu vergessen. Ich war einfach dort. Ich habe dir zu geschaut, und wenn du nicht da warst, habe ich auf dich gewartet und mich auf dich gefreut. Was du wohl jetzt machst? Gehst du immer noch um neun auf die Steinterasse und suchst nach Salat? Vielleicht füttert dich jetzt jemand anderes. Vielleicht zeigst du jetzt jemand anderem, dass es mehr gibt, als immer nur planen, denken, entwickeln, wollen und sollen. Vielleicht. Vielleicht hat dich auch ein Vogel gefressen oder ein Schuh zertrampelt. Vielleicht.


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Donnerstag, 16. April 2009

von Felten Welten-Productions* präsentiert

Wenn es regnet, hört man nicht Reggae

Jetzt stehst du wieder an dieser Kreuzung. Du stehst an der Kreuzung und gehst nach links - wie immer, nach links. Früher bist du ab und zu nach rechts gegangen, oft sogar. Heute gehst du nach links - immer. Manchmal würdest du auch gerne geradeaus gehen, heute zum Beispiel, heute besonders. Aber du wirst nach links gehen, wie immer. Etwas anderes würde sowieso keinen Sinn machen, als nach links abzuzwiegen. Du hörst Musik. Früher hast du selten Musik gehört - nur zu Hause und in den Klubs natürlich. Aber jetzt hörst du fast immer Musik, zu allem, was du tust, zu fast allem: Musik. An Musik kann man sich festhalten. Man kann zumachen. Man ist nur mit sich allein, egal, wo man ist. Man muss niemanden sehen, niemanden hören - nur die Musik und die eigenen Gedanken, natürlich. Die Gedanken fliessen dann zur Musik, im Rhythmus der Musik, und sie erscheinen plötzlich wichtig, so wichtig. Plötzlich wird das eigene Leben, der eintönige Alltag zu einem Film, zu einem spannenden Film - immer schön begleitet durch Musik. Menschen, die in einem Film vorkommen, sind wichtig, und besonders wenn Musik läuft, befindet sich der Protagonist in einem wichtigen Moment seines Film-Lebens. Also hörst du immer Musik und fühlst dich wichtig, eben als wärst du selber der Protagonist eines Films mit Zuschauern, und du wählst die Musik selber, passend zur Stimmung, natürlich. Wenn es regnet hört man nicht Reggae. Man hört bei Regen traurige Gitarren-Musik und ist auch traurig. Bei Sonne, da hört man Reggae oder Salsa vielleicht - aber Salsa nur, wenn man ganz glücklich ist. Wenn man bei Sonne traurig ist, dann wird es schwieriger... Aber heute regnet es ja. Es regnet, und du hörst Gitarren-Musik. Du, also der Protagonist, hat nasse Füsse, nasse Hosen. Du drehst den schwarzen Schirm in deinen Händen und schaust traurig zu Boden. Du bist traurig, weil es regnet, oder es regnet, weil du traurig bist - in Filmen ist das so. Es regnet, wenn der Protagonist traurig ist. Und Kreuzungen kommen auch oft vor in Filmen. Sollst du nach rechts gehen? Sollst du nach links gehen? Oder geradeaus... Wenn es ein Happy End gibt, geht man geradeaus, würde ich sagen. Aber du gehst nach links - es regnet ja auch, und dann noch die traurige Gitarren-Musik. Das klingt nicht nach Happy End. Du gehst also nach links, wie immer. Das passt, finde ich. Regen, Gitarren-Musik und links. Das passt.


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Dienstag, 14. April 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Golden, tatsächlich
für Chläus-Grossvati

Die goldene Flüssigkeit sprudelte aus der grünen Flasche in das schräg gehaltene Glas. Du hast immer gesagt, die Farbe sei golden - ich fand sie, sei gelb. Oben bildete sich ein weisser Schaum, und kleine Bläschen stiegen unablässig vom Grund an die Oberfläche, wo sie sich im Schaum verloren. Wenn man ganz leise war, konnte man den Schaum flüstern hören. Das lange Glas mit goldenem Rand lief an, so dass man wunderbar darauf hätte malen können. Du hieltest das Glas in die Höhe, damit ich das goldene Glänzen in der Sonne bewundern konnte. Wenn du nach dem Anstossen einen kräftigen Schluck genommen hast, blieb vom weissen Schaum an deinem Schnurrbart hängen. Du hast einfach weiter geredet, und erst nach einigen Sätzen hast du mit dem Handrücken über deinen Mund gewischt. Nach dem zweiten Glas hat dein Hemd leicht bitterlich gerochen, oft vermischt mit einem Hauch von Zigarettenrauch. Ich habe diesen Geruch immer gemocht - und ich mag ihn noch immer. Er erinnert mich an dich, an dich und an meine Kindheit. Wenn ich diese Mischung rieche, sehe ich vor mir deine dunklen Augenbrauen über den blauen Augen. Ich sehe deine farbigen Krawatten, an denen ich so gerne gekaut habe. Ich denke an die Tage in den Bergen, an den Schnee und die Nuss-Schokolade, die du mir jedesmal geschenkt hast. Den bitterlichen Geruch habe ich immer gemocht, aber das Getränk, mochte es auch noch so golden sein, hat mir nie geschmeckt, bis jetzt. Und heute sitze ich hier am See - und trinke ein Bier. Ich halte das Glas leicht schräg, wenn ich einschenke und schaue zu, wie sich oben weisser Schaum bildet. Ich schaue zu, wie die Bläschen an die Oberfläche steigen und versuche so leise zu sein, dass ich den Schaum vergehen hören kann. Und ich denke an dich. Wie gerne würde ich jetzt mit dir anstossen. Wie gerne würde ich jetzt das Klirren hören, wenn unsere Gläser auf einander treffen. Ich würde einen kräftigen Schluck nehmen und dann, dann würde ich einen Moment verstreichen lassen, bevor ich mir mit dem Handrücken über den Mund wischen würde. Wenn du mich jetzt sehen könntest... Du würdest dich wahrscheinlich im Grab umdrehen! Deine Enkelin trinkt Bier, und es ist golden - tatsächlich!


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Montag, 30. März 2009

von Felten Welten-Productions* präsentiert

Aufstehen und gehen
- für dich, das Bild




* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und Non-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Dienstag, 24. März 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Aufstehen und gehen
- für dich

Ich sitze hier mit dir an diesem rot-braunen Tisch, trinke Kaffee und esse trockene Grissini. Eigentlich sitze ich immer hier mit dir an diesem rot-braunen Tisch, trinke Kaffee, esse trockene Grissini und meine ich hätte eine Vergangenheit und eine Zukunft. Weisst du noch, dieser kleine, orange Krebs, der dich in den grossen Zeh geklemmt hat? Fragst du. Natürlich weiss ich das noch. Ich habe laut aufgekreischt und bin wie eine wild gewordene Furie umher gerannt, als ich das freche Tier gesehen habe, obwohl es nicht weh getan hat. Überhaupt nicht. Ich wollte nicht mehr an den Strand liegen - den ganzen Nachmittag nicht mehr. Dann würde ich halt nicht braun werden. Dann würde ich halt ganz weiss aus den Ferien nach Hause kommen. Egal. Ich wollte einfach nicht mehr zu diesen klemmenden Viechern in den Sand liegen. Du hast auf mich eingeredet, und es hätte fast einen Streit gegeben, weil du mich inkonsequent genannt hast, als ich mich dann doch wieder an den Strand gelegt habe, schon am nächsten Tag. Inkonsequent, hast du mich genannt. Inkonsequent sei absolut unzutreffend. Lernfähig sei angemessener. Man nenne einen Menschen lernfähig, wenn er etwas tut, wovor er Angst habe, habe ich geantwortet. Natürlich erinnere ich mich daran - ich glaube mich daran zu erinnern - aber in Wirklichkeit sitze ich immer hier mit dir an diesem rot-braunen Tisch trinke Kaffee, esse trockene Grissini, immer, gefangen in einer Zeitschlaufe, die niemals endet.
Ich bin heute Morgen aufgestanden, habe mich über den Regen geärgert, habe geduscht, die Wäsche gemacht und sie später aufgehängt. Dann bin ich in das Café gegangen, habe einen Cappuccino bestellt und auf dich gewartet. Du warst zwanzig Minuten zu spät - wie immer. Ich mag Unpünktlichkeit nicht. Das weisst du. Eigentlich gibt es kaum Gründe, unpünktlich sein zu dürfen, finde ich. Ich war ein bisschen wütend, aber nicht richtig. Ich kenne dich ja. Du und fast alle deine Freunde sind unpünktlich. Wenn man sich um acht verabredet, braucht man nicht vor halb neun am Treffpunkt zu sein. Ich habe die Kellnerin gebeten, mir Grissini zu bringen und habe das Buch aufgeschlagen, das letzte Kapitel - ein unerwartetes Ende. Er ist doch nicht gestorben. Der Erzähler hat in die Handlung eingegriffen, wie ein Gott und hat den Protagonisten von der tödlichen Krankheit erlöst. Eine erstaunliche Idee. Ich mag solch unlogische, unerwartete Enden. Du bist genau in diesem Moment durch die Türe getreten, als ich das Buch zu geklappt habe. Ich habe noch über das Ende gelächelt, an einem Grissini geknabbert und zur Türe geschaut. Deine Augen sind suchend durch das volle Lokal gewandert. Ich habe mich extra nicht bemerkbar gemacht. Ich wollte dich noch ein bisschen bestrafen, für deine Unpünktlichkeit. Du hast gar nicht nach einer Entschuldigung gesucht. Du hast dich einfach gesetzt und gelächelt. Du wusstest, dass es gar keinen Sinn hätte. Ich würde die Ausrede nicht akzeptieren, und es würde nur zu einer endlosen Diskussion führen, über Ausreden, Respekt und wahrscheinlich im Thema Ehrlichkeit gipfeln. Also besser gar nichts sagen. Wir haben beide noch einen Cappuccino getrunken und dann zwei Espresso mit einem Glas Wasser, ein gewaltiges Glas Wasser. Wir haben gelacht, über die Grössenverhältnisse zwischen dem Glas und der kleinen Espresso-Tasse, daneben. Wir haben über unsere Pläne gesprochen, über unsere Pläne für die Zukunft und über Vergangenes. Wir haben uns erzählt, was wir erlebt haben, wo wir waren und was wir möchten. Irgendwann bist du aufs Klo gegangen oder hast Zigaretten geholt. Als du dich wieder an den rot-braunen Tisch gesetzt hast, hat es angefangen. Ein unangenehmes Gefühl. Ich habe begonnen, mich zu fragen, ob du jetzt überhaupt weg warst. Ich habe mich gefragt, ob wir jemals irgendetwas anderes getan haben, als zusammen an diesem Tisch zu sitzen und über Dinge zu sprechen, die entweder schon vorbei sind, oder noch gar nicht angefangen haben. Es war ein bisschen wie ein Déjà-vu, aber es war keines. Es war mehr so ein Gefühl, als würden wir uns in einem Zeit-Looping befinden, als hätten wir noch nie etwas anderes getan und würden nie etwas anderes tun, als hier einander gegenüber sitzen, vor einem halbvollen Kaffee und trockenen Grissini, an einem rot-braunen Tisch. Der Kaffee würde nie kalt werden, die Grissini würden wir nie aufessen, weil es immer jetzt bleibt, und in diesem Jetzt ist der Kaffee heiss. Wir würden einfach immer hier sitzen bleiben, wie wir schon immer hier sassen, und wir würden schweigen. Ich würde darüber nachdenken, ob ich schon immer hier sitze, immer, und was du denkst, das weiss ich nicht. Das wusste ich nie, und ich würde es nie wissen... Ich habe den Kaffee extra lange stehen gelassen, damit er kalt wurde, um mir zu beweisen, das die Zeit doch vergeht, dass es nicht nur dieses unbewegliche Jetzt gibt, das Jetzt mit dir hier an diesem Tisch. Ich habe die Tasse an meinen Mund geführt, habe einen Schluck genommen. Der Kaffee war kalt! Vielleicht war der Kaffee aber schon immer kalt, und ich habe mir nur die Situation vorgestellt, dass ein heisser Kaffee vor mir steht, den ich jetzt nicht trinken darf, um herauszufinden, ob die Zeit vergeht. Mein Gehirn spielt mir Streiche, um mich zu verwirren - immer stärker. Je mehr ich das Zeiträtsel auflösen will, beenden will, entgleiten mir die Beweise. Es gibt keinen Beweis, dass ich nicht immer nur da bin, wo ich jetzt gerade bin und mir nur vorstelle, dass ich jemals etwas anderes getan habe, dass ich jemals etwas anderes tun werde. Ich sitze hier mit dir an diesem rot-braunen Tisch, trinke Kaffee und esse trockene Grissini. Ich stehe auf und gehe, um die Zeitachse wieder in Bewegung zu bringen. Aber wer sagt, dass ich nicht immer gerade am aufstehen bin, am aufstehen und gehen...?


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten