Dienstag, 10. März 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Es ist nicht das Herz

Während ich wische, während ich kratze und schabe, denke ich darüber nach, ob das jetzt ein Déjà-vu ist, oder ob ich tatsächlich vor Kurzem schon einmal gewischt habe, schon einmal gekratzt habe und geschabt. Egal. Ich wische weiter. Ich wische eine Niere auf, zwei Lungenflügel. Ich kratze einen Arm vom Boden auf, einen zweiten - meine Arme, samt den Fingern. Ich finde auch meine Beine wieder, den Bauchnabel und sogar die meisten Haare sind noch da. Zuerst werfe ich alles auf einen Haufen, dann setze ich den Menschen wieder zusammen, wie ein Puzzle - eine mühsame Arbeit ist das, und so viel Blut... Ich wische, ich kratze und schabe, und dann setze ich zusammen, was einmal zusammen war. Ich setzte die Arme auf die Schultern, den Kopf auf den Hals, und dann schraube ich das Ganze auf den Rumpf. Zuerst sieht es aus, wie ein Gemälde von Picasso, aber es kommt gut. Es kommt gut. Schon fast ein Rembrandt, noch etwas blass - das Blut kommt fast zuletzt. In den Rumpf stopfe ich die Organe, jedes an seinen Platz, die Lunge, der Darm, die Nieren. Und so viel Blut... Etwas fehlt. Ich suche. Ich suche. Ich kratze und wische. Ich finde es nicht. Es ist nicht das Herz. (Das ist mir schon vorher irgendwann abhanden gekommen. Ich habe es irgendwo verloren oder verschenkt. Es wurde in eine andere Brust eingepflanzt, und da schlägt es nun - wahrscheinlich.) Nein, es ist auch nicht das Gesicht. (Das habe ich nicht verloren, noch nicht.) Die Seele ist es auch nicht. (Ich hatte nie eine.) Was mir fehlt, ist mein Verdauungsorgan. Wie soll ich leben ohne Magen? Man isst. Man frisst. Und dann muss man verdauen. Man wird voll gestopft, bis oben hin voll gestopft. Alles, was rein passt, wird rein gestopft, in den Menschen. Wie soll ich nun ohne meinen Magen verdauen? Ich habe sie alle wieder gefunden, die Körperteile, meine Körperteile. Sie waren verteilt, über den ganzen Platz verteilt. Ich habe gekratzt, gewischt und geschabt. Am Ende habe ich mich wieder zusammengesetzt - wieder einmal. Und nun fehlt der Magen... Wer hat mir meinen Magen geklaut?
Ich muss verdauen.


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Mittwoch, 4. März 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Zwiegespräch

Warum erzählst du Geschichten? Du wolltest doch Bilder machen. Du bist Bildermacherin und solltest Bilder machen, wolltest Bilder machen. Aber du sitzt vor einem Buch mit leeren Seiten - das Buch mag schön sein, wunderschön, aber es ist eben ein Buch und kein Fotoapparat - und kritzelst sie voll mit schwarzen Kugelschreiberzeichen, oder blauen, die zusammen zu Sätzen werden. Hast du wirklich geglaubt, du kannst mit einer Kamera in den Händen Geschichten erzählen? Die Geschichten, die das Leben erzählt, kannst du sehen, du kannst sie miterleben, aber du kannst sie nicht festhalten, nicht mit einer Kamera. Du irritierst die Menschen mit dem kliklack nur und veränderst die Geschichten. Die Leute blicken zur Kamera, schauen in die Kamera. Sie wollen gut aussehen auf dem Bild, das du machst. Sie wollen nicht ihre Geschichte erzählen... Und dann fängst du einfach an, Geschichten zu schreiben, zu erfinden... Geschichten sind keine Bilder. Sie können Bilder entstehen lassen, ja, aber du wolltest aus Bildern Geschichten machen, nicht umgekehrt. Die Bilder sind schön, die Bilder, die du siehst. Sie sind schön in den Farben. Sie sind schön sogar in ihrer Hässlichkeit. Sie sind schön, weil sie sind. Aber sie sind nicht, um festgehalten zu werden. Sie wollen vergehen. Ergibst du dich nun vor dem Angesicht deiner Illusion? Bist du nun eine desillusionierte Geschichteneinfangerin und wechselt einfach das Medium? Zu einfach.
Zu einfach. Ich bin nicht desillusioniert. Ich ergänze meine Welt, meine Bilderwelt mit Geschichten, die Bilder entstehen lassen. Bilder mache ich auch - Bilder, die Bilder sind. Und sie erzählen auch Geschichten, andere Geschichten, wenn du genau hinsiehst. Es ist egal, was für eine Geschichte sie dir erzählen. Jeder kann seine Geschichten daraus lesen. Es geht nicht um Wahrheit. Es geht nicht darum eine wahre, eine tatsächliche Geschichte zu erzählen mit Bildern. Nur weil es Fotografien sind, heisst das nicht, dass sie etwas tatsächliches erzählen wollen. Das wäre die Illusion! Nur weil etwas wirklich geschehen ist, weil die Fotografie dieses Wirkliche zu bestätigen scheint, kann auch ein Bild nur einfach eine nicht gewesene Geschichte erzählen. Eine Kamera, meine Kamera ist auch wunderschön, wie das Buch wunderschön ist. Bild und Sätze. Sie schliessen sich aus, manchmal und dann... Sie ergänzen sich, manchmal. Beide erzählen etwas, was vielleicht nie war und vielleicht doch - egal, einfach erzählen, Bilder entstehen lassen in den Köpfen, vor allem in meinem Kopf. Aus meinem Kopf, da kommen sie her, da wollen sie hin. Darum erzähle ich Geschichten, damit ich sie wieder lesen kann, und darum mache ich Bilder, damit ich sie wieder anschauen kann. Zu einfach. Zu einfach, vielleicht.


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Montag, 2. März 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Ein prüfender Blick in den Spiegel

Immer wieder passiert es mir. Ich setzte mich auf öffentlichen Toiletten auf die geöffnete Klobrille - natürlich unabsichtlich. Ich setzte mich während einem prüfenden Blick in den Spiegel, und wenn ich sitze, fühle ich eine unangenehme Feuchtigkeit an meinen Pobacken. Natürlich springe ich angewidert auf... aber zu spät... Der Ekel lässt mich erschauern. In solchen Momenten wünschte ich, ich hätte - Desinfektionsmittel, oder - einen Penis. Ich würde das Klo betreten, mich vor das Pissoir stellen und den Ball ins Tor pissen (treffen würde ich bestimmt, da bin ich mir sicher). Man kann jetzt unerstaunt diese Zeilen lesen und denken, eine Frau - und erst noch mit kurzen Haaren, und sie spielt Fussball - wünscht sich ja sowieso, ein Mann zu sein. Man nennt dies nach Freud Penisneid (Der Begriff Penisneid wurde von Sigmund Freud geprägt. Die Annahme, dass Frauen das männliche Geschlecht unbewusst um dessen Penis beneiden, gilt als sowohl berühmte wie auch allgemein umstrittene These der klassischen Psychoanalyse. Anm. d. Red.). Dann macht man es sich aber sehr einfach! Man kann jetzt unerstaunt diese Zeilen lesen, und wenn man die schreibende Person - also mich - etwas besser kennt, denken, die hat ja schon oft gesagt, sie möchte im nächsten Leben ein Mann sein (hauptsächlich aus Integrationsgründen). Aber auch dann macht man es sich sehr einfach! Zum Ersten glaube ich nicht an die, ohnehin umstrittene, Penisneid-Theorie - natürlich wäre es angenehmer, beim Pissen nicht auf ein bepinkeltes Klo sitzen zu müssen, natürlich wäre es eleganter, auf der Strasse an einen Laternenpfahl zu urinieren, anstatt sich eine dunkle Ecke suchen zu müssen, um dann sitzend die neuen Schuhe zu taufen. Aber das ist auch schon alles, warum ich Männer um ihren Penis beneide, weil ich mir manchmal eine Pissverlängerung wünsche - sozusagen einen Schiffmasten, also ein Segelschiff, anstatt einem Motorboot. Grundsätzlich wünsche ich mir aber ein Motorboot, mein Motorboot... Zum Zweiten glaube ich nicht an Wiedergeburt. Das ist also eine blosse Anspielung, darauf dass es immer noch schwierig ist - manchmal - sich als Frau in einer Männerwelt, womit ich hauptsächlich Fussball meine, zu bewegen (aus Integrationsgründen, eben). Weisch de du, was es Offside isch? U süsch so Regle kennsch o, oder luegsch eifach gärn de Fuessballerwadli nache? (beides, natürlich! Anm. d. Red.) Ansonsten bin ich gerne Frau. Ich schätze es sehr, rosa tragen zu dürfen. Ich schätze es, hohe Absätze als optische Beinverlängerung benutzen zu können. Auch die Schminke ist nicht nur ein Übel! Schon manchen Pickel, einige Falten und Augenringe konnte ich unter einem Make-up verbergen. Du gsesch hüt guet us. Me gseht dir gar nid a, dass gester so lang im Usgang bisch gsi! (Merci! Das war ja auch das Ziel der Stunden, die ich im Bad verbracht habe! Anm. d. Red.) Und sogar kochen muss frau heutzutage nicht mehr unbedingt können. Mit ewas Charme und einem zuckersüssen Dessert-Lächeln verzeiht jeder Mann, die verkohlten Speckwürfel im Nüsslersalat, die verkochten Spaghetti, den versalzenen Kartoffelstock. Si hets ämu guet gmeint u probiert immer wider Mau e chli z chöcherle... Also nix mit Penisneid, aber ein nasser Po, nass von fremdem Urin... das ist halt nicht so... nicht so erfrischen, wie ein Po, der nass ist durch laues Meerwasser. Man kann jetzt unerstaunt diese Zeilen lesen und denken, die soll sich doch den prüfenden Blick in den Spiegel abgewöhnen, wenn sie sich auf ein öffentliches Klo setzt. Dazu muss ich sagen, wer das denkt, mag Recht haben...


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Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Von faulen Eiern, Pinguinen, Eisschollen und Rosen

Ungläubig blinzeln die bleichen Gesichter in das Licht. Sie sind geweckt worden. Warme Sonnenstrahlen haben ihren Winterschlaf beendet. Auf dem Platz in der Stadt stehen Stühle und Tische bereits draussen, und von allen Seiten strömen die Menschen nun ausgehungert in der Mitte zusammen. Wie kleine Tierchen haben sie, noch etwas zaghaft und schläfrig, ihre Überwinterungshöhlen verlassen, um sich endlich wieder zu treffen, endlich wieder zu sehen, wer den harten Winter überlebt hat, und wer ihm erlegen ist. Hei nei, git's di o no!? Was machsch geng? Wo bisch de du gsi? In der Höhle waren sie, in ihren dunklen Löchern haben sie geschlafen und gefressen - geschlafen, gefressen, gesoffen und gewartet. Jeder weiss das, und trotzdem fragen sie einander ungläubig, nach der Überwinterungsstrategie, nach Neuigkeiten, vorallem nach Neuigkeiten - vielleicht hat ja doch irgendjemand in der Kälte draussen sein müssen. Vielleicht ist ja doch jemand erfroren, dem Eisbären erlegen, unter eine Eisscholle gekommen, durch einem Pinguinenbiss tödlich verletzt worden, oder jemand hat im Winter Nachwuchs gezeugt - und man weiss das noch nicht... Die bleichen Gesichter werden langsam rot, von der Sonne rot, vor Erregung rot. Sie freuen sich ehrlich, sich wieder zu sehen, sie freuen sich ehrlich, wieder gesehen zu werden. Hesch gseh, da di angeri isch ja huere fett worde dä Winter! Eeeh, die dert äne, mit der wisse Sunnebrülle. Gsesch se nid? Isch si äch schwanger? Nei, di het öpe eifach nüt angers gmacht aus gfrässe... (Da hani mer ause de scho chli meh Müeh gä. I cha wenigschtens no mini Bei zeige, u me meint nid grad, es sige griechischi Süüle.) Aber das Zweite denkt sie nur und schwenkt ihre Beine elegant über den Platz, damit ihre Hüften verführerisch beben; die Sonnenbrille auf der Nase, um die Blicke von beiden Seiten unauffällig in ihre Tasche stecken zu können. Am Abend, wenn die Sonne wieder hinter den Bergen verschwindet, nagelt sie die mühsam gesammelten Blicke wie Jagdtrophäen an die Wand - und geniesst. Der Platz hat sich am Nachmittag in einen Laufsteg verwandelt. Die teuren Sitzplätze sind bereits vergeben, aber es gesellt sich immer mehr Publikum dazu. Niemand weiss mittlerweile mehr, ob er nun Publikum ist oder gerade in der Manege steht, ob er Clown ist, Esel oder ein Supertalent, ein Mannequin. Ab und zu klatscht einer Beifall, schmeisst eine Rose nach der Schönen mit den langen Haaren. Aber schon steht er durch seinen Zwischenruf im Mittelpunkt und entscheidet sich im letzten Moment - schon Mitten auf der Bühne - den riskanten Seilakt wieder abzubrechen, ist ihm die Clownnummer doch in die Wiege gelegt worden. Faule Eier fliegen auf die Bühne, gefolgt von Plüschtieren, Tomaten und eben von Rosen. Der Clown, der gerne Seiltänzer wäre, wird getroffen von zwei faulen Eiern, geworfen aus unerwarteter Nähe. Er erschrickt. Er stolpert, fängt sich aber kurz vor dem Fall wieder auf, nimmt die triefenden, stinkenden Eier und schmeisst sie zurück in die Menge, woher sie gekommen waren. Er trifft. Wen es trifft, ist egal, Hauptsache, er ist das faule Ei wieder los und kann mitlachen, ist nicht mehr der Ausgelachte. Und so geht das Treiben weiter, bis die Sonne hinter der Häuserfront verschwindet. Die roten Gesichter glühen noch eine Weile in der eingekehrten Dunkelheit weiter, dann verschwinden sie wieder in den Löchern, in den Höhlen. Aber sie kommen wieder! Sie kommen wieder, sobald die Sonne wieder scheint - sofern sie nicht von einer Eisscholle erwischt werden oder durch einen Liebesbiss eines Pinguins tödlich verletzt werden, dann kommen sie wieder, und sie werden wieder Rosen schmeissen, Rosen und faule Eier.
(Danke für die Rosen... Anm. d. Red.)


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Freitag, 27. Februar 2009

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Zum Glück

Die Gratwanderung ist nicht einfach. Einmal verlierst du das Gleichgewicht, und du torkelst. Zuerst auf diese eine Seite. Dann zieht dich wieder die andere Seite - zum Glück. Du würdest sonst fallen, auf diese eine Seite. Fallend, in die Tiefe stürzend, würdest du noch schreien - ein sinnloser Schrei. Er würde nur verhallen, und das Echo... Am Ende verhallt auch das Echo - irgendwo. Aber die andere Seite des Grates zieht auch an deinem Körper - sie zieht, lässt dich torkeln, lässt dich aber nicht stürzen. Im Gleichgewicht ziehen sie abwechslungsweise an dir, die Kräfte jenseits des Grates - zum Glück. Sonst würdest du fallen, aber du fällst nicht, weder auf die eine Seite, noch auf die andere. Du stehst oben auf dem Grat, und stehst du oben, kannst du dich glücklich schätzen - eigentlich. Du stehst ja oben, oben auf dem Grat - zum Glück.


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Dienstag, 24. Februar 2009

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A little smile

Ein Lächeln wäre gut. Ein Lächeln wäre nötig, dachte sie sich. So was denken zu müssen... Eine Schande, eine Schande ist das! Das Wetter immer an allem Schuld zu geben, ist müssig. Die Sonne kann nichts dafür, dass so viele dichte Wolken unter ihr liegen. Solarium? Nein, das macht müde und gibt Falten... Noch mehr Falten, und am Ende muss ich mich noch voll Falten nennen - kein schöner Name, nein! Wie kann ich mir ein Lächeln holen, wenn mir niemand seines schenkt? Kaufen kann man ein Lächeln leider nicht - auch nicht in Form von neuen Stiefeln, wenn man keine Lust hat, unter Menschen zu gehen... Ich könnte aufhören, traurige Gitarrenmusik zu hören und einfach wieder einmal Reggae hören - Sunshine Reggae... Sie hörte sich das Lied an - fünfmal nach einander. Gib mir nur ein kleines Lächeln, das ist alles, was ich von dir will, sang die sehnsüchtige Stimme. Aber es brachte nichts. Die Musik lächelte. Sie lächelte nicht. Fröhliche Musik frustriert noch mehr, als traurige Musik, wenn man traurig ist. Sie hatte keine Lust zu rennen, keine Lust zu essen, keine Lust zu... einfach keine Lust. Sie ging rastlos durch die Zimmer ihrer Wohnung, öffnete Schränke, um sie wieder zu schliessen. Baden mochte sie auch nicht. Das weicht nur die Haut auf... Und lesen, erzeugt Kopfschmerzen. Der Fussballmatch war abgesagt, wegen... eben doch! Das Wetter ist Schuld - zu viel Match auf dem Fussballplatz. Vielleicht ist es ja auch besser so. Die hätten ja sowieso wieder nur verloren, und Verlieren macht keine gute Laune. Das waren noch Zeiten, als ihre Lieblingsmannschaft regelmässig zu siegen vermochte. Ein Sieg muss her! Siegen schenkt mir ein Lächeln! Aber ich habe keinen Sieg zu feiern, die Fussballer spielen nicht und wenn sie spielen, verlieren sie... Es gibt nur eine Lösung und sie machte es sich auf dem Sofa bequem, da sie immer noch keine Lust hatte zu essen, halt ohne Knabberzeug, nur mit einem heissen Tee - Glückstee. Auf dem Bildschirm flimmerten die roten Trikots ihrer Mannschaft - die Zusammenfassung der Champions League aus den Jahren 2005 und 2006, lange her... Aber sie schossen Tore, wundervolle Tore! Das ist Fussball, herrlich, dachte sie und lächelte.


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Sonntag, 22. Februar 2009

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Destination Sterne
- das Bild



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Destination Sterne

Die Wattenwolken bedecken in unregelmässigen Abständen den blauen Himmel. Rötlich schimmernde Kräne, anthrazitfarbene Stromleitungen, Masten und ausgeschaltete Strassenlaternen streifen den Himmel, durchqueren die blendende Sonne. Nackte Bäume ragen über den Horizont, als wollten sie die Wolken vom Himmel holen, um ihre Nacktheit in ihnen verbergen zu können, als wollten sie sich mit fremden Federn schmücken. Ich schaue gebannt dem Wechselspiel von Farben und Formen zu, als sich unser Zug auf einmal vom Boden zu lösen beginnt. Wir liegen gerade in einer Kurve; der Zug verlässt langsam die Erde, wie damals ds Nüünitram in Bern (Mani Matter), nur geschieht dies am helllichten Tag. Nachdem wir einen dichten Rabenschwarm hinter uns gelassen haben, liegt nur noch Weite vor uns. Wir tauchen rasch ein in das milchige Blau des Himmels ein. Wir werden sanft von den weichen Wattenwolken abgefedert, wenn wir die blaue Strasse unabsichtlich verlassen. Unter uns wird die Welt kleiner und kleiner. Wir sehen die Kugel unter uns verschwinden - bedeutungslos auf einmal alles, was da unten, unter den weissen Wolken an Leid, Glück, Schmerz und Freude stattfindet. Was uns trägt, ist das helle Licht der Sonne, das zärtlich warm auf der Haut kitzelt. Weiter und weiter fliegt uns der Inter City, höher und höher. Wahrscheinlich warten die Passagiere auf dem Berner Perron vergebens auf ihren Zug, den fliegenden Zug. Ich bestelle einen Prosecco an der Minibar, eisgekühlt. Der Korkzapfen fliegt bis an die Decke über meinem Abteil und löst sie vom fliegenden Gefährt, was den wenigen Passagieren in meinem Wagen ein beeindrucktes Aaah oder Oooh entlockt. Die frische Luft streift unsere Köpfe. Wenn ich aufstehe und die Arme weit ausbreite, ist es, als würde ich selber fliegen, wie ein Vogel fliegen. Ich tauche die Hände in die weichen Wolken. Ich hätte nicht gedacht, dass sich Wolken wie eine weiche Federbettdecke anfühlen. Glücklich lege ich mich auf den Sitz, der mittlerweile über und über bedeckt ist von kleinen Wolken, von Federwolken und natürlich auch von Wattenwolken und trinke den Sprudel-Prosecco. Dann schliesse ich die Augen, lasse die Sonnenstrahlen auf meinen Lidern tanzen und warte auf Destination Sterne.


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Bragle

Wenn meine Familie von Ferien im Ausland nach Hause kam, fragte meine Grossmutter, was wir uns zu Essen wünschen (siehe auch: Auch eine Reise auf diesem Blog). Ich wollte Rösti - immer. Das wurde zu einer Tradition, und irgendwann wurde die Rösti, ohne zu fragen zubereitet. Am Abend der Rückkehr sassen wir gemeinsam am Esstisch in der geräumigen Küche meiner Grosseltern, mit Blick auf einen aufgehängten, schwarzen Porzellanteller. Der Tellerrand war mit Blumen verziert und in hellgelber Schrift stand in der Mitte geschrieben:

Bärner Röschti
Nimm Späckwürfeli
Säuschmutz
gschwellti gschibleti
Härdöpfel
äs Hämpfeli Salz
alls zämebragle

Meine Grossmutter hatte diesen Teller bei einer Heimberger Töpferei gekauft - zum halben Preis, weil die Punkte über dem zweiten A im Wort zämebragle (zämebrägle) gefehlt haben. Mit Tipex hat sie die Punkte selber gesetzt. Man sah aber den Farbunterschied, und meine Schwester und ich lasen laut im Chor

Bärner Röschti
Nimm Späckwürfeli
Säuschmutz
gschwellti gschibleti
Härdöpfel
äs Hämpfeli Salz
alls zämebragle

mit Gewichtung auf dem letzten Wort. Später konnten wir das Rezept auswendig. Das Zämebrägle blieb aber immer Zämebragle. Wenn ich heute von einer Reise nach Hause komme, mache ich mir immer noch Rösti, auch wenn ich sonst fast nie koche - und Rösti schon gar nicht. Ich spreche das Rezept (immer noch das einzige Menü, das ich, neben Spiegelei und Spaghetti, ohne Kochbuch kochen kann, Anm. d. Red.) halblaut vor mich hin, wenn ich die Zutaten in die Pfanne gebe, und am Ende bragle ich alles zusammen.


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Auch eine Reise

Der Bauch fühlt sich immer noch etwas schwer an. Das muss das Fondue sein, das Fondue von gestern Abend. Ich bereite mir einen leichten Salat zu - einen Rucola-Salat mit Parmesansplitter, viel Balsamico und Salz. Meine Gedanken schweifen während dem Essen nach Italien und weiter noch. Schon wieder denke ich an die weite Welt und wie gerne ich irgendwohin fahren würde, wo es anders ist, einfach anders - kein Fondue. Notizpapier, Kugelschreiber, Handy und die Nikon. Sonst brauche ich nichts mehr. Mit dem Zug fahre ich nach Bern. Die Schneelandschaft zieht vorbei und lässt mich kurz eindösen, Italien vor meinen träumenden Augen. Uttigen. Verena weckt mich.
Ja tschou, i bis, d Verena. i bi grad im Zug. Ha nume schäu wöue frage, wäge...
Ja genau. Gits ke anderi Möglechkeit?
Aha...
Nei, das isch nid so tragisch. Aber wes irgendwie gäng...
Ja. Guet.
Merci afang.
D Esther?
Ja das chönnt si. Frag se doch o mau no.
Wär scho no froh!
Jaja.
Isch guet.
Kes Problem.
Ostermundigen. Verena ist immer noch am telefonieren, und auch wenn ich die Augen wieder schliesse und mir die Ohren zuhalte, die belebten Strassen Italiens wollen nicht mehr auftauchen.
Ja, auso.
Ja, jaja.
Auso.
Los, i bi jtz de grad ds Bern.
Auso, tschüss, tschüss.
Tschou.
Ich steige aus und glaube, mich in einem Ameisenhaufen zu befinden. Es ist aber Bern, erkenne ich an der blauen Tafel mit der weissen Schrift. Ich nehme die Tram Nummer 3 und fahre zur Endstation. Ich drücke die unterste Klingel. Den Namen habe ich mir zum Glück aufgeschrieben, eine zu fremde Anordnung von Buchstaben. Eine Frau in einem bodenlangen, lilafarbenen Rock, einer rot geblumten Bluse und einem dunklen Schleier öffnet mir die Tür. Sie lächelt, streckt mir eine zerbrechliche, weisse Hand entgegen. Ihre Augen sind dunkelbraun, fast schon schwarz. Sie geleitet mich ohne Worte durch eine fremd duftende Wohnung, über einen orientalischen Teppich in das Wohnzimmer. Sie nimmt mir die Jacke ab und verschwindet in die Küche. Auf einem Teller serviert sie mir ein Glas frisch gepressten Orangensaft und mir unbekanntes Honiggebäck. Den Schleier hat sie ausgezogen. Ihr freundlich interessierter Gesichtsausdruck lässt schnell das Eis brechen und wenn ihre deutschen Worte nicht ausreichen, spricht sie einfach Farsi und lässt mit ihren Händen Bilder vor meinen Augen entstehen. Ich glaube, sie zu verstehen. Wir schauen Fotos an. Ihre Familie. Ihre Augen schauen libevoll und traurig auf die Bilder, als würde sie sie zum ersten Mal betrachten. Ab und zu geht sie auf den Balkon, den sie im Winter als Erweiterung des Kühlschranks benutzt und serviert neue Köstlichkeiten - Süssbrot, nougat-ähnliche Stängel und Tee in kleinen Gläsern. Bevor sie die Balkontüre öffnet, wirft sie sich den Schleier über ihre dunklen Haare, den sie griffbereit auf dem Fensterbrett liegen hat. Sobald der Vorhang wieder zugezogen ist, legt sie das Tuch wieder ab. Dann schauen wir Fern - iranische Nachrichten. Sie übersetzt ein bisschen. Ich höre dem Klang der Sprache zu. Es dämmert schon, als ich nach meiner Iran-Reise Mitten in Bern wieder die Strasse betrete. Zu Hause habe ich Rösti gemacht. Das esse ich immer, wenn ich von einer Reise nach Hause komme.


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