Dienstag, 7. Juli 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Das Bild hängt schief

Auf dem blau-weissen Lampenschirm liegt grauer Staub. Das Geschirr stapelt sich im Spülstein. Staubklüngel schweben, beim Vorübergehen in die gegenüberliegende Ecke. Ein modriger Geruch zieht sich durch die düsteren Gänge. Das Bild hängt schief. Stimmt nicht. Stimmt alles nicht. Aber es klingt irgendwie besser als, wenn alles sauber und schön ist. Wenn alles sauber und aufgeräumt ist, kann man sich nicht ärgern, aber man kann auch nichts erzählen. Natürlich könnte man, aber es klingt langweilig. Es klingt zu wenig mystisch, zu wenig dramatisch, zu wenig depressiv. Depressive Sätze klingen anziehender, klingen lesenswerter, findet sie. Das Bild hängt schief. Das Bild, das hängt wirklich schief, aber es hängt extra schief. Es hängt schief, weil es ein schöner Satz ist. Das Bild hängt schief. Genau mit diesen Worten fängt das Buch an, welches sie gerade liest. Das Bild hängt schief, las sie vor zwei Tagen und musste lächeln. Sie las den Satz noch zweimal, liess die Worte regelrecht auf der Zunge schmelzen, wie schwarze, leicht süsse Bitterschokolade und stand dann auf. Bevor sie den nächsten Satz lesen konnte, stand sie auf und hängte ihr eigenes Bild an der Wand hinter dem mausgrauen Sofa schief. Eigentlich hasst sie es, wenn Bilder schief hängen. Aber um des wunderschönen Satzes Willen hat sie ihr Sofabild schräg gehängt. Sie musste nur ein bisschen an einer Ecke ziehen und schon hing das Bild, wie es nicht hängen sollte. So ist das Leben interessanter, findet sie. Schon am Morgen: Man steht auf, wenn das Licht durch die Vorhänge, die purpurroten Vorhänge, in das saubere Zimmer scheint. Alles aufgeräumt, alles sauber, aber das Bild hängt schief. Ein Schreckmoment! Aber ein schöner Schreckmoment. Das rüttelt sie auf, in dieser sauberen Stadtwohnung. Das Bild hängt schief - und die Scheiben sind ein bisschen schmutzig, noch etwas gelblich verspritzt vom Frühlingsblütenstaub - und das Bild... Sie könnte es gerade rücken. Sie bräuchte nur fünf Schritte bis zum mausgrauen Sofa, dann eine Bewegung, und das Bild würde wieder gerade hängen. Sie könnte sogar zuerst noch die Wasserwaage aus dem Putzschrank holen. Der liegt sowieso auf dem Weg vom Bett zum Sofa. Dann würde das Bild mit grösster Wahrscheinlichkeit wieder im Lot sein. Das Bild hängt gerade, könnte sie dann denken, einmal denken, weil zweimal denkt man das nicht das Bild hängt wieder gerade - nie. Und zudem wäre dieser Satz verloren, mit dem sie so gerne lebt. Das Bild hängt schief. Ein einziger Satz, vier Worte können ein Leben so viel spannender machen, findet sie. Vier Worte können einem Menschen so viel Freude schenken. Worte. Wundervoll. Was genau diese vier Worte aneinander gehängt so schön machen, weiss sie nicht genau. Ich auch nicht. Vielleicht ist es die Tatsache, dass man sich so oft über schräg gehängte Bilder ärgert. Das tut man doch? Vielleicht ist es auch, weil ein Buch nicht mit einer solchen Nebensächlichkeit anzufangen hat. Das lernte man noch in der Schule, damals. Heute ist aber vieles anders, schon heute ist vieles anders. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass schief an sich schon ein unübertreffbares Wort ist. Oder liegt es am Wort Bild? Jedenfalls hört man den Satz, oder man liest ihn, und sogleich sieht man vor seinem inneren Auge ein schiefes Bild an einer Wand hängen, an einer vergilbten Wand ein farbiges Gemälde. Es wird ein Bild durch einen einzigen Satz - in diesem Falle gleich durch den ersten Satz des Buches - erzeugt, und gleichzeitig ist es ein Bild von einem Bild, einem schiefen Bild. Eine Bild-in-Bild-Vorstellung. Wundervoll. Es gibt noch andere solche Sätze, andere so wunderschöne Sätze, mit denen man ein Buch beginnen könnte, also eigentlich eben kein Buch beginnen sollte, keine Aufsätze beginnen sollte. So war es doch in der Schule. Mit den schönen Sätzen fängt man nicht an. Die sind nebensächlich - aber schön, nebensächlich schön. (Also eigentlich, finde ich, ist schön immer nebensächlich und nebensächlich eben oft schön - so nebenbei.) Aber allem voran bin ich irgendwie froh, dass ihr Buch mit dem schiefen Bild angefangen hat. Man stelle sich vor, das Buch - übrigens ein Krimi - hätte mit dem ebenfalls wunderschönen Satz das Wasser plätschert auf den leblosen Körper angefangen. Uiuiui...

* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Dienstag, 30. Juni 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Hä?
2007 - 2009

Endlich bin ich angekommen. Wieder daheim. Hier gehöre ich hin. Die Berge so nah, der See so klar, die Fluchwörter so selbstverständlich. Furzen erlaubt, rülpsen sowieso - keine Frage. Endlich! Wieder sein, einfach sein. Er lebt hier, meine Freunde sind hier, meine Familie, der See so klar, die Berge so nah. Ankommen tut gut - und dann... dann ist man da. Dann will man wieder weg, endlich weg. Er ist auch wieder weg. Die Berge sind so nah, der See so kalt. Zurücklassen, um zu vermissen. Ich gehe wieder, lasse zurück, was ich liebe, zerstückle mein Sein wieder in kleine Teile. All die kleinen Fetzen, die ich einmal war, verteile ich in der Welt, um mich wieder zu sehnen, nach dem, was ich so hasse und so liebe. Nach den Bergen sehnen, dem See, einem Zuhause, einem Ort - so nah, so klar, so verdorben, so falsch und ach, so schön...
So gehe ich, so komme ich wieder, so gehe ich, komme ich, gehe, komme, zerstückle, setze zusammen, was zusammen gehört, zusammen zu gehören scheint, um dann wider zu teilen, abermals zu teilen.
So klein ist das Sein. Zumindest mein Sein ist klein. In kleinen Stücken wieder Bern, Olten, Basel, Zürich, Thun. Es ist nicht viel, aber es ist nicht mehr ein Da - nicht mehr ein Da-gehöre-ich-hin. Es ist ein Wo-gehöre-ich-hin, um endlich wieder zu vermissen, den See so klar, die Berge so nah. Es ist ein Mir-laufen-Tränen-über-die-Wangen-wenn-ich-meine-weissen-Berge-sehe. Es ist wieder ein So-klar-ist-nur-der-Thunersee und kein Schon-wieder-dieser-blöde-Gigu-den-mag-ich-nicht-mehr-sehen mehr. Es ist ein Endlich-wieder-laut-furzen-und-niemand-schaut-mich-erstaunt-an-du-bist-doch-eine-Dame-aha-nicht-? Es ist alles vermissen, was ich manchmal so überdrüssig bin, ein Gehen-um-wieder-ankommen-zu-wollen. Aber wenn ich einmal wieder ankommen sollte, dann werde ich bleiben, ganz bestimmt - ganz bestimmt...

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Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Eigentlich einfach nur: merci

An den Moment unserer ersten Begegnung kann ich mich fast nicht mehr erinnern. Da sind keine Bilder mehr in meinem Kopf, nur ein Gefühl. Ja, an ein Gefühl glaube ich mich zu erinnern. Etwas fremd warst du mir. Das weiss ich noch. Du hattest die Augen zu, oft hattest du deine Augen einfach geschlossen. Hast du noch ein Bild von mir in deinem Kopf? An die Momente danach, die Momente mit dir, kann ich mich aber erinnern, gut erinnern. Die kann man nicht vergessen, glaube ich - viele schöne Momente, auch traurige, natürlich. Alles halt, einfach alles. Dein Lachen war unverwechselbar, und das ist es noch heute - unverwechselbar. Ich habe dich gerne lachen gehört, immer. Und du hast viel gelacht, glaube ich, ja.
Um all unsere gemeinsamen Momente aufzuschreiben, würde kein Buch reichen, und irgendwann würden mir die Worte ausgehen oder die Worte gänzlich fehlen. Worte braucht es aber eigentlich nicht viele, um unsere gemeinsamen Erinnerungen zu beschreiben, um Gefühle hervorzurufen - du kennst sie ja alle auch, unsere Erlebnisse, die wir in unserer kleinen, in unserer eigenen kleinen Ewigkeit erlebt haben. Stichworte würden reichen, um dich zum lachen zu bringen, dich zum weinen zu bringen, weil du es weisst, weil du sie kennst, die Worte, und sie verbindest, genau wie ich. Schnüfi, Blochi, Tilli, der Kessel in Ascona, ds Lied, der Max im Keller, T'Pea und (...) nimm Späckwürfeli, Säuschmutz (...) ...
Dich zu missen, wäre unvorstellbar. Dass es dich gibt, ist unbeschreiblich - unbeschreiblich gut. Das wollte ich dir schon lange sagen - gerade heute wollte ich dir das unbedingt sagen, dass du wichtig bist, so unersetzlich wichtig in meiner kleinen Ewigkeit. Und besonders heute wollte ich dir sagen, dass ich dir wünsche, dass ich mir wünsche, dass du glücklich bist, dass wir noch einmal 25 und vielleicht sogar noch einmal 25 Jahre zusammen erleben werden. Wie lange auch unsere Ewigkeit dauern wird, ich werde da sein - ich werde dich immer lieben, so lange ich sein werde.
Und was ich auch noch sagen wollte, gerade heute sagen wollte: Merci. Merci, dass du bist, dass du da bist, merci, dass du zu mir haltest, merci, dass du so schön lachen kannst, merci, für all diese Jahre Erinnerung. Es ist eigentlich einfach nur: merci.

für Christine, meine Schwester

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Freitag, 19. Juni 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Untitled



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Mittwoch, 17. Juni 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Chli bös, chli grusig u so...
-
keine wahre Geschichte

Alles beim Alten. Alles wie gewohnt. Alles, wie es sein soll. Ein paar Jugendliche schlagen sich - heute ausnahmsweise mit Flaschen. Das Blut spritzt, Flüche, Schreie und noch ein bisschen mehr Blut. Alles wie gewohnt. Der Geschichtensammler lächelt in seiner Ecke vor sich hin. Viel Bier fliesst - Bier, Vodka, Tequila. Laute Musik, der Rauch qualmt durch das schummrige Lokal. Alles beim Alten - noch, noch ist alles wie gewohnt.
Hei, sälü, chasch guet?
(nei, nid scho wider ...) ?
Chaaaasch guuuueeeeet?
Aha! (Ich furze) Ja klar. Geng wi geng. Du o?
Jaja, mir geits super! Chli Stress ufem Bügu u so, aber süsch easy. Summer, gäu, isch doch geil. We d Sunne wider schiint u... bla... bla... He, u du, bisch geng no am fötele?
(Blöde Frage denke ich und sage während einem langen, lauten Furz) ja. (isch drum gloub mi Job, hani gmeint...)
Was fötelisch de so?
(i hasses, we öper fötele seit! denke ich und unterstreiche meine Aussage mit dem dritten Furz - kurz und bündig): eigentlech alles, wo me cha fotografiere. (Fürze nicht, aber alles andere eigentlich schon) Du, i muess mau öpis trinke ga hole. Het mi gfröit (uuuu ja u de wie!) Bis speter mau.
Alles beim Alten. Alles wie gewohnt, wie es sein soll. Die laute Musik, der Rauch. Durch die Musik hört keiner die ausgedehnten Fürze und auch keiner die kurzen bündigen. Durch den Rauch riecht sie auch niemand, die Zwiebelfürze, die Fleischfürze, auch nicht die Bierfürze, nicht einmal die Knoblauchfürze. Eigentlich ganz angenehm, finde ich. Alles beim Alten - noch, noch ist alles gut. Rauchfrei... Rauchfrei aber laut werden die Clubs sein - laut und erfrischend, ganz bestimmt! Bald werden wir sie riechen, die Frische. Ich persönlich mag abgestandenen Rauch lieber, als Fürze - geschweige denn das Gemisch aus verschieden Fürzen. Aber furzen werde ich trotzdem, keine Frage. Ganz genüsslich werde ich es tun, und ihr werdet leiden, meine Lieben. Ihr werdet leiden!

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Dienstag, 9. Juni 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Golden, tatsächlich
für Chläus-Grossvati, das Bild


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Samstag, 6. Juni 2009

von Felten Welten-Productions* präsentiert

Ein Buch, ahornbraun im Frühherbst

Es ist so schön. Es ist braun. Es ist in braunes Leder eingefasst. Ein schönes Braun, dezent, wie Ahornblätter im Herbst, im Frühherbst. Am Rücken hat es goldene Streifen, fünf goldene, horizontal verlaufende Linien - feine Linien. Es ist ihr sofort aufgefallen, zwischen all den anderen Bücher mit aufdringlichen Schriften und glänzenden Umschlägen. Sie hat nach dem braunen Buch, dem frühherbstlichen Ahornblätter-Buch gegriffen. Es ist auch nicht so dick. Dicke Bücher erschlagen einen, findet sie, erdrücken einen, bedrohen - zu viele Worte, zu viele Sätze. Sie hat es auf der ersten Seite aufgeschlagen und las den ersten Satz. Dann hat sie Seite 73 aufgeschlagen, etwa die Mitte des Buches. Sie hat gelesen, einen Satz, vielleicht zwei. Und dann noch die letzte Seite, den letzten Satz. Sie findet, wenn diese drei Sätze stimmen, wenn diese drei Sätze überzeugen, ist das Buch gut. Der Titel ist nicht so wichtig - der Titel nicht, der Schriftsteller nicht, aber der erste Satz muss überzeugen, muss beeindrucken. Er muss überraschen. Er muss auffordern. Sie mag kurze Sätze, viele kurze Sätze nacheinander, und dann ein langer Satz, vielleicht zwei lange Sätze, dann wieder kurze, viele kurze. Viele Punkte. Manchmal Kommas, aber keine Ausrufezeichen. Ausrufezeichen mag sie nicht! Die unterstreichen unwichtige Aussagen. Wichtige Aussagen überzeugen auch ohne Ausrufezeichen, findet sie. Fragezeichen hingegen mag sie gerne - besonders am Ende einer Seite. Das sieht schön aus, nicht? Aber von allen Zeichen mag sie am liebsten den Gedankenstrich. Der lässt Zeit. Er setzt eine Pause. Er unterbricht. Er ist schön - sehr schön. Und kursive Schrift, ab und zu kursive Schrift. Das braune Lederbuch hat alles, wonach sie sich sehnt. Es ist schön. Es ist nicht zu dick. Es hat einen eindrucksvollen Anfangssatz und einen überszeugenden letzten Satz. Dazwischen gibt es viele kurze Sätze, unterbrochen von langen, und es gibt schöne Wiederholungen. Es hat kaum Ausrufezeichen, einige Fragezeichen - an den richtigen Stellen gesetzt - und Punkte, viele Punkte. Viele Punkte. Sie hat das Buch gekauft. Sie hat es in ihr Bücherregal gestellt. In das Bücherregal, in das nur die schönen Bücher kommen, das Bücherregal im Wohnzimmer - das sehen alle Gäste. Da stehen nur die schönen Bücher und die mit den wichtigen Titel (zum Beispiel Klassiker, Faust, Don Quijote, einige Lexika und Wörterbücher). Bücherregale, findet sie, sagen viel über einen Menschen aus. Sie können aber auch lügen. Lügen können sie gut! (Dieser Satz braucht ein Ausrufezeichen, sonst überzeugt er nicht, findet sie...) Das Buch steht also dort im Bücherregal im Wohnzimmer. Es sieht schön aus, das Buch mit dem überzeugenden Anfang, dem wunderbaren Endsatz, den vielen Punkten, den wenigen Ausrufezeichen und dem klaren Satz auf Seite 73. Sie holt es oft hervor, oft wenn sie alleine im Wohnzimmer sitzt und nach Gedanken sucht. Es fühlt sich weich an, das braune Leder mit den fünf goldenen Linien auf dem Rücken. Es fühlt sich gut an in ihren Händen - dünn, weich. Den Titel hat sie sich immer noch nicht gemerkt. Er steht nicht auf dem Rücken, wie bei all den anderen Büchern. Das mag sie besonders am Buch. Es ist so unaufdringlich schön. Sie holt es aus dem Regal. Sie schaut es an, fühlt es, schlägt die erste Seite auf, dann die letzte, manchmal Seite 73. Dann schliesst sie es wieder, fühlt es noch einmal und stellt es zurück zu den anderen schönen und schlauen Bücher im Wohnzimmerbücherregal. Sie hat es nicht gelesen. Sie spart es auf. Es soll das letzte Buch sein - das letzte, das sie lesen wird, das allerletzte, das beste, das schönste, das wichtigste. Das braune Lederbuch - braun wie Ahornblätter im Herbst, wie Ahornblätter im Frühherbst.

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Freitag, 29. Mai 2009

von Felten Welten-Productions* präsentiert

Ganz und gar nicht egal

Am Abend bin ich zum Bahnhof spaziert. Ich war noch etwas früh, etwas zu früh. Ich habe eine Cola getrunken am Bahnhof, weil ich eben noch etwas früh war. Oder war es ein Bier? Ich kann mich gar nicht mehr erinnern... Aber es ist eigentlich ganz egal, was es war. Ich sass also da und trank etwas, ein Bier oder eine Cola, wahrscheinlich. Irgendwann ist der Zug eingefahren. Ich bin aufgestanden. Bezahlt habe ich zuerst noch, dann bin ich aufgestanden. Es war heiss. Die Sonne schien. Sie schien wieder! Nein, eigentlich schien sie gar nicht. Sie brannte viel mehr am Himmel, verbrannte meine Haut, und meine Gedanken brannte sie weg. Später sass ich an einem Tisch. Das weiss ich noch. Das Tischtuch muss einmal rot gewesen sein. Jetzt war es etwas verblichen, schon fast rosarot - von der Sonne, vielleicht auch vom Regen. Es hatte Holzstühle, so Holzstühle, die man zusammenklappen kann. Aber das ist eigentlich gar nicht so wichtig. Das Essen war wirklich gut, glaube ich. Es war gut gewürzt, glaube ich. Es gab eine Vorspeise mit Balsamico und danach Spaghetti oder Tagliatelle oder sonst etwas. Und der Wein, er hat auch ganz gut geschmeckt. Ein italienischer Wein, irgend so ein Barolo, glaube ich. Der Espresso danach war stark - stark, süss und gut. Es lief Reggae im Hintergrund, irgend so ein Lied von Bob Marley. Vielleicht Jammin' oder No Woman no Cry. Vielleicht war es aber auch Jimmy Cliff, der sang. Ich habe nicht richtig hingehört. Aber eigentlich ist das alles gar nicht so wichtig. Eigentlich ist das alles sogar egal, ganz egal. Die Sonne hätte auch nicht scheinen brauchen. Es war mir ganz egal. Da man am Abend isst, habe ich versucht zu essen. Der Wein lief angenehm meinen Gaumen hinunter, aber die Teigwaren schienen irgendwo stecken zu bleiben. Eigentlich wollten sie gar nicht erst in meinen Mund geführt werden. Sie wollten auf dem Teller liegen bleiben. Sie wollten dort kalt werden. Oder vielleicht hätten sie auch gar nie bestellt werden wollen, gar nie gekocht werden wollen. Aber weil man am Abend etwas isst, habe ich sie bestellt. Der Koch hat sie gekocht, und ich habe sie dann dazu gezwungen in meinem Mund hin und her geschoben zu werden. Aber der Espresso, der war dann wieder gut - stark, süss und gut. Ich habe etwas erzählt. Eine Geschichte vielleicht oder vielleicht auch eine Lüge. Vielleicht habe ich auch nichts gesagt, gar nichts... Die Sonne hat meine Gedanken weg gebrannt. Und ich sass da, zuerst vor der Vorspeise, dann vor den Teigwaren, dann vor dem Espresso, dem Grappa, dann vor dem leeren Tisch, vor dem vollen Aschenbecher. Ich sass da und dachte nichts, vielleicht dachte ich auch etwas, vielleicht erzählte ich auch etwas - eine Geschichte oder vielleicht sogar eine Lüge. Aber eigentlich ist das alles ganz egal. Warum erzähle überhaupt eine Geschichte, die so ganz egal ist? Oder ist es eine Lüge? Jedenfalls bin ich irgendwann aufgestanden. Zuerst habe ich noch bezahlt - oder hast du bezahlt? Jemand hat zuerst bezahlt, bevor wir aufgestanden sind, glaube ich. Es war wahrscheinlich schon dunkel, als ich gegangen bin, aber kalt war es nicht. Da bin ich mir ganz sicher. Ich war dann irgendwann zu Hause. Jedenfalls bin ich am Morgen erwacht - und die Sonne schien. Sie schien wieder! Nein, eigentlich schien sie gar nicht. Sie brannte viel mehr vom Himmel. Aber warum erzähle ich überhaupt eine Geschichte, die so ganz egal ist? Die Geschichte ist nicht egal. Nur die Worte... Die Worte sind irgendwie egal. Egal. Hauptsache die Sonne scheint wieder. Obwohl... eigentlich ist das ja auch ganz egal. Aber dass du da warst, das war nicht egal, ganz und gar nicht egal.


für D.M.

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Dienstag, 19. Mai 2009

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Ungerobsi u hingerfürschi













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Montag, 18. Mai 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Warten

Jeden Tag aufstehen. Jeden Tag Kaffee trinken – starken, schwarzen Espresso mit viel Zucker. Jeden Tag essen. Jeden Tag trinken – möglichst viel, am besten Wasser, drei Liter wäre gut, drei Liter Wasser, jeden Tag. Jeden Tag warten, auf den Zug, den Bus, den verpassten Bus, auf einen besseren Tag, einen schönen Tag, einen Tag mit viel Sonne, viel Freude. Am besten sind Wochenenden, Samstage mit viel Sonne, aber nicht zu heiss, wenn möglich nicht zu heisse Samstage, aber mit Sonne. Am Samstag weiss man, dass noch ein freier Tag folgt, wenn möglich ebenfalls mit Sonne, viel Sonne – aber nicht zu heiss. Auf den Sonntag wartet man nicht, weil Sonntage sind doof. Man weiss, dass am nächsten Tag wieder Montag ist. Das macht traurig. Das macht müde, manchmal auch wütend, manchmal lustlos. Montage sind immer doof, weil man aufstehen muss, früh aufstehen – fast immer. Ausser man hat frei am Montag, dann ist Sonntag, wie Samstag, wenn möglich mit viel Sonne, einfach wenn möglich mit Sonne, aber nicht zu heiss, etwas Schatten wäre gut und vielleicht noch ein Bier – natürlich erst am Abend. Ein kühles Bier an einem sonnigen Samstagabend, oder an einem sonnigen Sonntagabend, natürlich nur, wenn man am Montag dann frei hat, was selten ist – dann ist aber der Sonntag sowieso wie Samstag. Das ist gut. Am Montag wartet man auf Dienstag, oder schon aufs Wochenende, auf ein sonniges Wochenende, auf Samstag. Am Dienstag, am Mittwoch, am Donnerstag und auch noch am Freitag: Warten. Warten habe ich schon immer gehasst – immer! Ich verpasse manchmal den Zug, weil ich so knapp aus dem Haus gehe, damit ich nicht am Bahnhof warten muss. Wenn ich einen Anruf erwarte, schalte ich manchmal das Telfon aus, damit ich nicht auf das Klingeln warten muss. Aber eigentlich besteht das Leben aus warten – so oft: warten. Erwarten, abwarten, warten, warten... Man kann eine Zigarette rauchen, um das Warten in eine Handlung zu verwandeln. Man wartet trotzdem. Man kann Musik hören, ein Bier trinken, beobachten, denken. Man wartet trotzdem. Ich hasse warten – immer. Warten macht nervös. Und je nach dem, auf was man wartet, je nach Grösse der bevorstehenden Erwartung, mag man nicht einmal mehr essen, mag man nicht mehr... Besser aber man macht etwas, um nicht bewusst zu warten, nicht bewusst auf den Zug zu warten, nicht bewusst auf den verpassten Bus zu warten, nicht auf den Anruf zu warten, nicht auf das sonnige Wochenende zu warten (vielleicht regnet es ja am Wochenende, und verregnete Wochenenden sind nicht wartenswert). Am Morgen wartet man auf den Mittag, nach dem Mittag auf den Abend, im Winter auf den Frühling, den Sommer. Im Kindergarten wartet man auf die Schulzeit, in der Schule auf die Selbständigkeit. Man wartet auf eine neue Anstellung, eine gute Nachricht, manchmal kommt aber dann eine schlechte – oft sogar. Man wartet. Wartet. Und am Ende... Am Ende hat das Warten ein Ende. Der Tod. Aber auf den wartet man eigentlich nicht. Man wartet auf alles, was vorher ist. Man wartet, um zu warten, um zu warten, um zu warten, um zu warten, um zu warten (u.s.w) und um wieder zu warten. Aber am Ende... Ich habe warten schon immer gehasst – immer...


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten