Dienstag, 13. Januar 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Ingwertee und Honig

Die Landschaft prescht an mir vorbei. Hügel, Häuser, Wälder, Dörfer, Hügel, Dörfer, Felder, Wälder, Schnee, Häuser, Hügel - grau in grau. Ich sitze auf einem meerblauen Sitz mit rotorangem Muster. Neben dem Fenster hängen Vorhänge, die sich der Fahrtbewegung immer etwas verspätet anschmiegen. Sie sind auch rotorange - ein anderes Rotorange, als das des Musters auf dem meerblauen Sitz. Ich sitze in Fahrtrichtung und schaue aus dem Fenster, grau in grau. Noch bin ich so nah an der Schweiz und doch ist alles schon so flach. Mir fehlen schon die Berge, die weissen Berge, denke ich. Noch bin ich so nah an der Schweiz, aber es öffnet sich eine Leere, es öffnet sich Raum. Vorwärts fahre ich aus der Schweiz und denke an Mani Matter - Ir Iisebahn sitze die einte eso, dass si alles, was chunnt scho zum vorus gseh cho und dr Rügge zuechehre der Richtig vo wo dr Zug chunnt...
Es riecht nach Kuba im Eingang der Wohnung. Es muss das Heizöl sein. Es ist kalt. Der Tee ist warm und schmeckt nach Ingwer und Honig. Ich höre Gesang aus dem Badezimmer - Töne, die sich überschlagen, an den hohen Wänden abprallen und sich in einander vermischen, wie Wasserfarben auf nassem Papier. Nass in nass, kalt in kalt, Ingwer und Honig. Der Tee ist warm. Die Bewegungen der Tanzenden sind langsam, sehr langsam, als würde man einen Film in Zeitlupentempo abspielen. Ein Tanz um eine imaginäre Mitte. Ein Tanz ohne Musik, nur der Gesang, der durch die dünnen Wände aus der Dusche in den Tanzraum dringt. Ich lege mich auf den Boden und fange die tanzenden Körper mit der Kamera ein. Meine eigenen Bewegungen haben sich an ihren Rhythmus angepasst - Zeitlupentempo, Kälte und warmer Ingwertee. Die Probe wird beendet mit Atemübungen. Einatmen, ausatmen auf S, nicht mehr einatmen bis der Körper nach Luft zu schreien beginnt. ssssssssss - wie bei einem Orgasmus stöhnen ihre Körper unkontrolliert auf - eine Erleichterung. Ich trinke den Tee aus und betrachte die Bilder auf dem Display. Der Gesang ist verstummt, als wäre er eigens für den Tanz gesungen worden. Nur noch das Plätschern der heissen Dusche durchbricht die Stille. Die Nikon ist glücklich über die fremden Bilder, die sie festhalten durfte - wie ein Hund, der zum ersten Mal am Meer Gassi geführt wird. Sie lacht die dezenten Farben, die kontrollierten Körper in meine Augen. Sie erzählt mir ein Märchen, das ich noch nie gehört habe. Die Nikon will auch noch die Stadt nach Bildern absuchen, sagt sie. Ich gebe ihrem Bitten nach und begleite sie. Sie sucht, sie sucht und schreit, wenn sie ein Bild sieht, das sie einfrieren will. Sie schreit aus der Tasche, bis ich sie auspacke und ihr den Wunsch erfülle. Mit klammen Fingern drücke ich den Auslöser. Kliklack lacht die Nikon. Zusammen streifen wir durch die eisige Kälte. Die Bise durchdringt alle Stoffe und berührt meine Knochen - und den Akku der Nikon. Sie gibt auf, die Nikon. Sie will nicht mehr. Sie will keine Bilder mehr einfrieren, weil sie selber friert, bis auf ihr Herz, ihr Akkuherz. Nun stehe ich da, alleine in der grauen Stadt und fühle mich verlassen - von allen guten Geistern verlassen (auch die Lumix ist am Ende ihrer Kräfte. Die Speicherkarte ist voll). Kino? Tee? Ausstellung? Coiffeur, beschliesse ich. Ich lege meinen Kopf in die Hände der Französin. Sie massiert meine Kopfhaut. Ich schliesse die Augen, weil grelles Neonlicht in auf meine Netzhaut brennt. Ich schaue den farbigen Punkten zu, die hinter meinen Lidern tanzen. Die Massage ist gut. Sie spricht wenig, die Französin. Comme-ça, c'est bon - ouioui... Sie rupft und zieht an meinen Haaren, aber immerhin redet sie kaum. Das ist gut, die Frisur etwas weniger - etwas verschnippelt. Wie Stacheln eines Igels stehen die Haare von meinem Kopf ab. Ich schaue in den Spiegel und erschrecke ein bisschen. Ich denke an Mani Matter. Hundert Igel schauen mich an, und wenn ich den Mund öffne - ouioui - ein ganzer Igelchor. Doch noch Tee in einem "Salon de Thé". Alte und junge Leute sitzen vereint an den runden Tischchen. Alle trinken Tee, um die kalten Hände an den Tassen aufzuwärmen, um die Seelen am heissen Getränkt zu erwärmen. Es ist voll, voll Töne und Menschen. Ich setze mich zu einem alten Mann. Eine Zeitung und ein Beret liegen auf dem Tisch vor ihm. Eine Tasse dampft vor sich hin. Er schaut von seinem Buch auf, nickt mir zu. Ich bestelle einen Tee mit Zimt und Honig. Ich reibe das Akkuherz. Die Nikon lässt sich erweichen und zeigt mir die eingefrorenen Momente der lebendigen Stadt. Der Mann beobachtet mich verstohlen über den Rand seines Buches. Ich schlürfe das heisse, süsse Getränk. "Henri Michaux" steht auf dem Buch. Der Mann legt es weg. C'est bon - ouioui... Er wurde in Deutschland geboren. Er heisst Max. Er ist Künstler, Maler und lebt hier seit über 40 Jahren. Er mag die Cafés. Er mag lesen und Menschen beobachten. Die Kälte mag er nicht so. Im Winter hat es so viele Leute in seinen Cafés. Er packt ein kleines Buch aus seiner hellbraunen Ledertasche, kramt nach einem Kugelschreiber, schreibt etwas in das Buch, legt es hin, bezahlt und steht auf. Ich greife nach dem Buch und will es ihm hinstrecken. Er macht mit dem Kopf eine Nickbewegung in meine Richtung, sagt es gehört jetzt Ihnen und geht. "In der Gesellschaft der Ungeheuer, ausgewählte Dichtungen. Henri Michaux." Merci, denke ich und blicke zur Tür, die schon wieder geschlossen ist. Für Regine von Max, steht auf der Rückseite des Umschlags. Merci, denke ich. Ich gehe zurück in das Zimmer. Es riecht nach Kuba. Ich lade den Akku auf und koche einen Tee. Es riecht nach Kuba, und ich trinke Ingwertee - Ingwertee mit Honig. Mein Körper wird warm, das Akkuherz lädt sich wieder auf, und die Frisur ist mit viel Wachs - und Ingwertee - auch nicht mehr so schlimm.
Die Rückfahrt geht rückwärts. Mit dem Rücken zur Schweiz fahre ich wieder zurück in den Schnee, zurück zu meinen Bergen. Ich denke an Mani Matter - di andere, die sitze ir Bank vis-à-vis, dass si lang no chöi gseh, wo der Zug scho isch gsi und dr Rügge zuechehre der Richtig wohi der Zug fahrt...
Grau in grau geht's rückwärts nach Hause - grau in grau und Ingwertee in einer Thermosflasche.


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Samstag, 10. Januar 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

...nur einer schaut zurück



* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Hommage an Man Ray





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Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Un Lion à Lyon

Parce que je ne suis pas un lion qui vit dans le zoo de Sion, je pars. Je pars pour Lyon où on lit dans le lit sans le lion de Sion. Je ne pars pas pour Varsovie, pas pour paradis, mais je pars pour dieu, pour Part-Dieu car c’est la gare, loin de la Loire, mais entre le Rhône et le Saône. C’est un lieu de dieu, je pense. Un lieu de dieu à Lyon où on dormit dans un lit de Vivi parce que Vivi vit là-bas avec des chats et un lion qui s’appelle Léo.
Je dis merci pour le lit, pour les jours sans penser à l’amour, pour le souvenir à trois jours et nuits jolis.
A la prochaine fois – peut-être cette fois chez moi!


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Samstag, 3. Januar 2009

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Somethings never change

Meine Grossmutter sagt: "Hesch gseh, ds Chüuchli?" Das "Chüuchli" hängt immer auf der linken Seite des Christbaums, etwa auf der Höhe meiner Schultern. Wie könnte ich das "Chüuchli" nicht sehen. Ich sehe nur das "Chüuchli" und warte auf die Frage "Hesch gseh, ds Chüuchli?" Bevor ich das Haus meiner Eltern betrete, bevor ich meine Grossmutter begrüsse, warte ich auf die Frage, die immer kommt - sonst wäre nicht Weihnachten. Meine Grossmutter wohnt nicht mehr zu Hause. Sie dekoriert den Tannenbaum nicht mehr selber. Meine Eltern haben nie einen Tannenbaum gekauft. Wir haben früher einen Baum im Garten geschmückt, mit Silberfäden und weissen Kerzen. Aber seit meine Grossmutter in einem Alterswohnheim lebt, kaufen sie einen Baum und hängen das "Chüuchli" auf die linke Seite, etwa auf die Höhe meiner Schultern. Und meine Grossmutter sieht das "Chüuchli", bevor sie es suchen kann, und die Frage ist gestellt, bevor sie jemand denken kann. Meine Geschenke liegen auf der linken Seite, die meiner Schwester auf der rechten Seite. Das war immer so. Einmal war es anders und alle waren verwirrt. Wir bekommen jedes Jahr Hauchdünn geschenkt, meine Schwester und ich - die braunen crèmigen Hauchdünn. Jedes Jahr sagen wir, wir mögen die schwarzen lieber. Aber jedes Jahr liegen wieder die braunen crèmigen auf der rechten und der linken Seite des Baumes, und wenn ich sie sehe, freue ich mich darauf, dass meine Schwester sagt, dass sie die schwarzen lieber mag. Und es gibt Pommeschips zum Nachtessen, Paprikachips zum Weihnachtsessen. Das war immer so, sonst wäre nicht Weihnachten. Die Grossmutter Mutterseits schenkt meinem Vater Wein, Rotwein und selber gemachte "Brätzeli". Sie sortiert ihm extra die dunklen in eine Blechdose, die mit Schneeflocken verziert ist und sagt: "Hesch gseh, i ha dir äxtra die dunkle usegsuecht, wüu du die am liebschte hesch, gäu!" "I ha lieber die häue, nid die dunkle." antwortet mein Vater, und ich freue mich darüber und sage, dass ich die dunklen lieber mag und esse sie alle auf. "U du, wie läbsch?" Fragt die "Chüuchli"-Grossmutter. "U du, wie läbsch?" fragt sie am selben Abend immer wieder - wie läbsch, wie läbsch, wie läbsch... klingt es wie ein Echo in meinen Ohren weiter. Das Echo klingt in meinen Ohren bevor der Satz das Echo auslösen kann. Ich höre das Echo meiner Gedanken, schon bevor ich mir die Gedanken machen kann u mi Schatte isch afa schneuer als ig, i ma ihm fasch nüm nache... Somethings never change, never change, never change, never change... Sonst wäre nicht Weihnachten. "Es guets Nöis u blib wide bisch!" - sonst wäre nicht Neujahr. I bi scho morn nüm glich wi hüt, dass wissen wir alle (zumindest alle Berner), und trotzdem sagen wir die Sätze, die wir sagen müssen, besonders während der Tage im Dezember: "Machs guet u häb Sorg", und es tönen Lieder in meinen Ohren, als würden tausend Weihnachts- und Silvesterglöcklein gleichzeitig läuten. "Es guet Nöis, dass au dini Wünsch u Tröim i erfüllig gö im nöie Jahr!" Im 2009 werden sie alle in Erfüllung gehen, alle meine Wünsche und Träume. Ich habe noch immer bekommen, was ich wollte - nur leider weiss ich nicht, was ich will... Vielleicht ein Schloss? Einen Winterschlaf oder e Grossbrand i mis Härz? Oder ich könnte mir ein Kind wünschen. Frauen kriegen Kinder. Sie machen den Haushalt und die Männer verdienen Geld. Das auch war immer so, sonst wären wir nicht da, wo wir sind. Sie sind Jäger und Fischer. Sie jagen das Geld und manchmal jagen sie auch Tiere - oft Katzen, manchmal auch Kater. Die Frauen sind Sammler. Sie sammeln das Essen mit orangen Körben in den orangen Supermärkten (siehe auch: http://vonfeltenwelten.blogspot.com/2008/11/von-felten-welten-productions_2030.html Beitrag auf diesem Blog). Sie sammeln Schuhe und Taschen. Sie sammeln Staub mit einem Staubwedler ein, und sie sammeln Trophäen "Hesch guet kochet. Hesch suber putzt. Hesch es schöns Chind, wunderschön. Es glichet dir u dim schöne Ma." Und wir sind emanzipiert. Eine richtig emanzipierte Gesellschaft, viel emanzipierter als die im Osten (oder wo wohnen die Terroristen, die ihre Frauen Kopftücher tragen lassen?). Hier lässt man die Frau selber merken, dass sie viel besser Hemden bügeln und gut putzen kann (viel besser als die Männer! Die machen nie richtig sauber. Da putzt Frau besser selber und lässt den Mann das Geld heimbringen. Das kann er dafür besser, mhm). Ich glaube, ich wünsche mir für's 2009 ein Kind, einen Mann und eine Katze (nur bitte keinen Kater, dann schon lieber e Moudi oder einfach einen Hasen, aber wenn möglich einen stillen), und ich wünsche mir ein Haus am See mit em ne Bänkli vor der Türe und vielleicht noch ein bisschen Geld, damit d Zyt u ds Glück nümme a mir verby zieh. Das ist mein allerliebstes Feindbild, das ich da noch einmal aus dem Keller hole und putzte, bis es wieder so glänzt. Nume Bire wärde so riff... Ich glaube, ich wünsche mir doch lieber eine Reise irgendwohin, wo es warm ist (ans Kap der Guten Hoffnung oder in den Osten). Das passt irgendwie besser zu mir, und ich soll ja schliesslich so bleiben, wie ich bin, hat man mir gesagt. Ich bin noch nie ab Bälpmoos geflogen. Ich könnte mal nachschauen, ob es günstige Flüge gibt von da. Ich würde gerne durch Sizilein reisen und dann mit einer Fähre auf irgendeine schöne Griechische Insel fahren, und Kreta tönt doch besser als Heimberg... Und in einem Jahr gibt es dann wieder Pommeschips zu Weihnachten, Hauchdünn und dunkle "Brätzeli". Das "Chüuchli" hängt wieder auf der linken Seite des Christbaums auf der Höhe meiner Schultern und dann wieder "es guets Nöis!". Merci, und ich hole wieder mein allerliebstes Feindbild aus dem Keller und singe ein Lied, das so endet wie es anfängt. Somethings never change und freue mich darüber (oder nicht?)


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Sonntag, 21. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Der Geschichtensammler

Er hat schwarze Haare, die bis über seine Schultern reichen, schwarze Rastas - wahrscheinlich hat es auch schon ein paar graue darunter. Seine Haut ist kaffeebraun, die Nase hat die Form eines Pfelilbogens. Er steht alleine an die Wand gelehnt im Café Mokka. Er steht da, alleine seit ich das erste Mal das Mokka betreten habe. Er trägt ein schwarzes Hemd, immer. Sein Alter ist schwer einzuschätzen. Vielleicht ist er 40, vielleicht 50, vielleicht auch älter (oder jünger?)... Aber egal wie alt er ist, so alt war er immer.
Ich betrete das Mokka. Er ist da. Er steht da. Er schaut. Er lacht. Er lächelt. Manchmal bewegen sich seine Lippen. Worte hört man keine. Es ist zu laut. Er raucht. Er beobachtet. Er trinkt etwas und schaut dem Treiben zu. Wie er wohl seine Beobachtungsopfer auswählt? Wenn sie lachen, lacht er mit, für sich alleine. Wenn sie sich streiten, schaut er traurig zu. Ich habe ihn noch nie mit jemandem reden sehen. Ich habe ihn noch nie an einem anderen Ort angetroffen, als in seinen zwei Plätzen im Mokka, Plätze, von denen man zum Eingang sieht. Unscheinbar, als wäre er nicht vorhanden, saugt er die Umgebung in sich auf und verwandelt das Erlebte im Innern in seine eigenen Geschichten. All die Momente der Mokka-Besucher werden zu seinen Momenten, werden zu seiner Geschichte.
Am Samstag war ich alleine im Mokka. Das habe ich früher oft gemacht. Ich bin einfach alleine losgezogen und bin ins Mokka gegangen. Irgendjemanden habe ich da immer getroffen. Am Samstag habe ich das auch wieder einmal gemacht. Ich habe aber niemanden gekannt, niemanden erkannt - ausser ihn. Ich habe ihn gegrüsst. Warum habe ich ihn vorher nie gegrüsst, den Beobachter, den Geschichtensammler in der Ecke? Er hat zurück gegrüsst und gelächelt. Er hat mich erkannt. Er kennt wahrscheinlich alle, die im Mokka ein- und ausgehen. Er kennt die Gesichter. Er kennt viele Geschichten. Er erzählt sie nie, nur sich selber. Er beobachtet, als wäre er Big Brother.
Ich habe mich an die weisse Wand gelehnt - die weisse Wand, die ich am Abend oder am nächsten Tag von der Kleidung wasche, aus dem Halstuch klopfe. Ich habe etwas zu Trinken bestellt und zugeschaut. Ich habe ihm zugeschaut, wie er anderen zuschaut, und ich bin seinem Blick gefolgt: Ein Pärchen, vielleicht 18. Sie war klein. Ihr blondes Haar hatte sie zu einer komplizierten Frisur gesteckt. Sie trug ein rotes Träger-Shirt und Bluejeans. Er war fast einen Kopf grösser als sie. Sein weites T-Shirt hing unförmig über seine Baggyjeans, versteckte aber nicht seine muskulösen Oberarme. Beide hatten ein Bier in der Hand, sie ein Vollmond, er ein grosses Boxer. Sie haben zusammen getanzt, sich verliebt angeschaut und gelacht. Er hat sie im Kreis herum gewirbelt. Die sind bestimmt noch nicht so lange zusammen, so verliebt, wie die einander angucken, habe ich gedacht. Ob sie noch zur Schule gehen? Wahrscheinlich haben sie sich auf dem Gymnasium oder in der Berufsschule kennen gelernt. Sie könnte Friseuse sein, der aufwändigen und perfekten Steckfrisur nach zu urteilen, und er ist wahrscheinlich Schreiner oder Maurer. Auf jeden Fall wird er einen handwerklichen Beruf ausüben, so kräftig wie er gebaut ist. Oder er arbeitet im Büro und treibt sonst viel Sport, aber dann würde er wahrscheinlich nicht so viel Bier trinken. Sie tanzten, sie torkelten ein bisschen. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie schaute auf die Flasche in ihrer Hand, setzte sie an, nahm einen kräftigen Schluck und streckte ihm die leere Flasche hin. Er nahm sie, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und verschwand um die Ecke. Einen Kuss auf die Stirn! Das ist süss, habe ich gedacht und bin ein bisschen erschrocken, wie schnell ich in eine fremde Geschichte eingetaucht bin. Ich habe mich zum Geschichtensammler gedreht. Er stand immer noch da, schaute zum blonden Mädchen und lächelte zufrieden vor sich hin. Dann wanderten seine Augen wieder durch die Menge, wahrscheinlich auf der Suche nach einer neuen Geschichte. Dabei kreuzten sich unsere Blicke erneut.
Wer er wohl ist? Wo er wohl herkommt? Was er arbeitet? Vielleicht kommt er aus Tunesien. Er ist vor vielen Jahren in die Schweiz gekommen, aber weil er so schüchtern ist, hat er fast niemanden kennen gelernt und somit auch die Deutsche Sprache nie wirklich gelernt. Aber er ist ohnehin nicht hierher gekommen, weil er Menschen kennen lernen wollte. Ausserdem mag er den Klang einer unverständlichen Sprache, und er mag beobachten und dazu seine eigene Geschichte erfinden. Er ist Dichter oder Schriftsteller. Er geht ins Mokka und lässt sich von den Menschen und ihrem Treiben inspirieren. Er sammelt ihre Geschichten und schreibt zu Hause Bücher auf Französisch oder Arabisch. In seinem Heimatland Tunesien ist er berühmt. Alle verschlingen seine Geschichten und warten schon nach dem Erscheinen seines neusten Werkes wieder auf das nächste. Seine Bücher heissen Zwischen Vollmond und Sonnenaufgang (mit Vollmond meint er natürlich das Bier, aber es ist auch ein wunderbares Wortspiel, findet er) und Boxer (damit meint er das andere Bier und spielt damit auf den Faust von Johann Wolfgang Goethe an. Er scheint Wortspiele zu mögen! Seinerzeit, als er sich entschieden hat, Tunesien zu verlassen, hat er sich auch nicht zuletzt wegen seiner Liebe für Wortspiele für Thun entschieden. Der Klang des Namens hat ihn an die Hauptstadt seines Heimatlandes erinnert, was er lustig fand. Ursprünglich wollte er nämlich nach Zürich gehen - die einzige Stadt, die er in der Schweiz gekannt hat... Er hatte schon gepackt und war auf Wohnungssuche, dann hörte er von einer Stadt, namens Thun. Heute ist er aber froh, hier gelandet zu sein. Er war einmal in Zürich - viel zu gross, viel zu laut, und er hatte irgendwie immer das Gefühl, dass Züri brännt... Warum, weiss er selber nicht...). Er lebt in einer bescheidenen Wohnung. Sie hat nur zwei Zimmer. In einem Zimmer steht ein Bett und an Stelle eines Nachttischchens hat er einige Bücher aufeinander gestapelt. Darauf steht ein dreiarmiger, mit verschiedenfarbigem Wachs übertropfter Kerzenständer, ein Geschenk seiner grossen Liebe - das Einzige, was er aus seinem Heimatland mit nach Thun genommen hat. Drei rote Kerzen stehen darin und daneben liegt eine Zündholzschachtel mit einem Bild der Luzerner Kappelbrücke, ein Zettel und ein Kugelschreiber mit der Aufschrift Swisscom. Im anderen Zimmer stehen ein Tisch und ein Stuhl. Auf dem Stuhl liegen ein hellblaues, abgewetztes Kissen und auf dem Tisch steht eine kleine Lampe, viele weisse und auch beschriebene Blätter, Kugelschreiber und Bücher. Also eigentlich ist nicht nur der Tisch voller Bücher und Blätter, das ganze Zimmer ist überstellt davon. Ich glaube, nicht einmal der Geschichtensammler selber weiss, ob unter den Büchern und Papieren Parkett- oder Teppichboden versteckt ist. Und auch die Wand ist voll gehängt mit Papierstücken voller Kritzeleien und Notizen auf Französisch, Arabisch und einige Worte auf Deutsch - wahrscheinlich seine Ideen. Er hat keinen Fernseher, keinen Computer. In der kleinen Küche steht ein schwarzer Radio mit einer langen Antenne auf dem Kühlschrank, und neben der Eingangstür hängt ein schwarzes Telefon auf einer silbernen Gabel - die einzigen technischen Apparate, die er besitzt. Er ist ein Nostalgiker, deshalb auch das alte Telefon, mit dem er manchmal seine Familie anruft oder mit dem Verlag in Tunis telefoniert.
Wenn er gegen Morgen von seinen Sammeltouren aus dem Mokka nach Hause kommt, trinkt er einen Kaffee, den er sich auf dem Heimweg am Bahnhofbuffet holt, und legt sich dann für einige Stunden aufs Ohr. Er schläft aber nie sehr lange. Er will schreiben. Er kann am besten am Morgen schreiben und seine Wohnung ist ohnehin ziemlich lärmig am Vormittag, weil sich unter ihr eine Bäckerei befindet, die sieben Tage die Woche geöffnet hat. Manchmal verlässt er tagelang seine Wohnung nicht. Er schreibt und schreibt und schreibt. Er vergisst dabei sogar zu essen. Zum Glück hat er eine aufmerksame Nachbarin. Eine alte Dame, der er einmal zwei Koffer in den zweiten Stock geschleppt hat, als er sie im Eingang angetroffen hat. Seit dem mag sie den Geschichtensammler, ausserdem ist er ruhig. Sie hört nie ein Geräusch aus der Wohnung unter ihr, ausser manchmal das Plätschern des Wassers, wenn er duscht. Wenn sie ihn länger nicht mehr antrifft, geht sie manchmal klingeln und bringt ihm einen Berliner oder einen Nussgipfel aus der Bäckerei mit. Er dankt es ihr mit einem freundlichen Lächeln und revanchiert sich dann seinerseits wieder mit Taschen schleppen, wenn er die Dame nach einem Einkauf im Treppenhaus antrifft. Eine wortlose Freundschaft ist mittlerweile zwischen den beiden entstanden.
Im Moment lebt er wieder einmal sehr zurückgezogen. Es ist Weihnachtszeit, und das Mokka ist bis am 26. Dezember geschlossen. Er hat sich mit einigen Packungen Reis und gefrorenem Hammelfleisch eingedeckt. Ausserdem hat ihm die nette alte Dame selbstgemachtes Weihnachtsgebäck vor die Türe gestellt. Er nutzt die Zeit, um an seiner neusten Idee zu schreiben, einem Roman über ein junges Paar, das sich im Mokka (wie könnte es anders sein...) kennen gelernt hat, als sich zwei ihrer Freunde wegen einer Bagatelle blutig geschlagen haben. Eine absurde Geschichte über Gewalt, die eine junge Liebe entflammen lässt. Einen Titel hat er noch keinen. Die Titel findet er normalerweise in seinen Träumen, aber erst wenn er ein Werk zu Ende geschrieben hat. Er träumt etwas, woran er sich später nicht mehr erinnern kann und wacht dann auf, mit einem Satz oder einem Wort im Kopf. Diese schreibt er noch im Halbschlaf auf den Zettel auf seinem Nachttisch aus Büchern und fällt dann einen traumlosen Schlaf, der dann ohne Weiteres bis nach dem Mittag dauern kann. Wenn er also aufschreckt und erstaunt feststellt, dass es schon Nachmittag ist, blickt er sogleich auf den Büchernachttisch neben dem Bett und findet da den Titel seines neusten Buches in seiner Handschrift - und erstaunlicherweise immer auf Deutsch - auf dem Zettel geschrieben.
Er geht nur noch selten nach Tunesien (ab und zu besucht er seine Familie in einem abgelegenen Dorf an der Grenze zur Sahara), nicht des Geldes wegen - davon hätte er genug, weil er ja ein erfolgreicher Geschichtenschreiber ist - aber er mag es nicht, erkannt zu werden. Er will keinen Ruhm, und den Rummel um seine Person mag er auch nicht sonderlich. Er mag es einfach, Geschichten zu erzählen, und er mag die Einsamkeit. Deshalb bleibt er in Thun, wo ihn niemand kennt, und sammelt weiter Geschichten.
Dass mein Glas leer war, bemerkte ich erst, als ein Eiswürfel gegen meine Zähne klatschte. Ich schaute mich um: Immer noch niemand da, den ich kannte - ausser dem jungen Pärchen und dem Geschichtensammler. Das Pärchen war wieder am tanzen, sie mit einem halbvollen Vollmond in der linken Hand und er mit einem Boxer. Der Geschichtensammler stand in seiner Ecke an die Wand gelehnt, eine Zigarette in der Hand und ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht. Ich habe meine Jacke genommen, habe versucht so gut es ging, die weisse Farbe aus dem Stoff zu klopfen. Im Gehen habe ich ihm zugenickt. Ich weiss nicht, ob er mich noch bemerkt hat, wahrscheinlich war er zu sehr vertieft ins Sammeln von Geschichten für seinen neusten Roman.


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Liebe Ente

Die gelbe Badeente schaut mich vorwurfsvoll an. Jede Woche, wenn ich das Badezimmer putze, schaut sie vorwurfsvoller (was für ein wunderschönes Wort - vorwurfsvoller - fast so schön wie neue Schuhe!). Also die Ente, sie schaut jede Woche vorwurfsvoller. Ich habe ihr schon vor Monaten versprochen, ihren Bruder (oder ist es die Schwester?) bei meinen Eltern auf dem Estrich zu suchen. Normalerweise versuche ich meine Versprechen zu halten. Aus einem mir selber unerklärlichen Grund fällt es mir aber schwer, schon wieder auf den Estrich zu gehen um zu suchen, nach der anderen gelben Ente zu suchen. Es ist nicht der Estrich, der mich davon abhält. Ich mag den Estrich. Er ist voller kleiner Gegenstände, kleine Erinnerungsgegenstände. Es ist also nicht der Estrich. Es ist das Suchen. Ich suche in letzter Zeit wieder ziemlich oft. Das habe ich ja kürzlich schon erwähnt. Ich suche nach Gegenständen (eine verlorene schwarze Instantkamera mit silbernem Schriftzug, den zweiten Ohrring, ein Geschenk für meine Grossmutter zu Weihnachten, ab und zu den Hausschlüssel) Ich suche nach Erklärungen und manchmal nach Ausreden. Ich suche nach Worten und oft nach Entscheidungen. Jetzt kann natürlich jemand ganz weise behaupten, das ganze Leben sei eine Suche. Aber manchmal habe ich das Suchen einfach satt. Egal, ob das Leben aus Suchen besteht: Wie wäre es zur Abwechslung mit Finden? Natürlich, ich finde jeden Tag etwas. Ich finde eine Beschäftigung. Ich finde Staub in meiner Wohnung (der sammelt sich meist unter dem roten Sofa im Eingangsgang. Eingangsgang? Ein Eingang ist ja schon ein Gang, aber es gibt Eingangshallen und mein Eingang ist ein schmaler Gang, ein schmaler Gang im Eingang, also ein Eingangsgang). Ich finde Worte, die ich nicht gesucht habe, aber auch nicht finden wollte (eigene und fremde). Ich finde Ausreden (natürlich nicht meine, sondern fremde. Die eigenen suche ich ja...) und ich finde verfaulte Orangen in meinem Kühlschrank (das ich diese nicht finden will, müsste jedem klar sein). Aber ich finde kein Geld und ich finde vor allem keine Entscheidungen. Alles, was ich suche, finde ich nicht und was ich finde, suchte ich nicht. Ich heisse aber nicht Hans und wohne auch nicht im Schneckenloch - oder doch...? Ich weiss gar nicht, was ein Schneckenloch ist... Google sucht und Google findet auch... Google findet Wikipedia: Die Schneckenlochhöhle, auch Schneckenloch, ist eine große Karsthöhle bei Schönenbach im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Ob das die besagte Hans-Höhle ist? Aber Hans heisse ich nicht. Ich hätte Roland geheissen, wäre ich mit Penis zur Welt gekommen. Roland... Zum Glück - für einmal - habe ich keinen Penis. Ich mag den Namen Roland nicht. Ich entschuldige mich bei allen Rolands, Roländer, Rolanden, aber Roland klingt in meinen Ohren nach Rollmops, wie jtz tüet dir da di Rölleli dra u löts eifach la loufe. Eifach la fahre... u när Znüni nä....
Wenn ich die gelbe Ente suchen würde, hätte ich wahrscheinlich Erfolg, weil ich sie mit grosser Sicherheit finden würde. Ich würde finden, was ich suche. Wahrscheinlich suche ich nicht, weil ich gar nicht finden will oder ich finde nicht, weil ich nicht suche. Ich glaube nur zu suchen und singe in Wirklichkeit nur immer wider das Lied vom Hans....
Liebe Ente, ich werde meine Eltern noch einmal fragen, ob ich nicht vielleicht doch Hans geheissen hätte, wäre ich ein Junge geworden, und wenn ich dann schon bei meinen Eltern bin, um nach einer Antwort auf meine Frage zu suchen, kann ich auch gleich die andere Ente, dein Geschwisterchen suchen - und wahrscheinlich auch finden. Und wenn nicht, also, wenn meine Eltern sagen, ich hätte Roland geheissen, dann googel ich mal, was das weibliche Pendant zu Hans ist (und Google findet fast immer, was ich suche). Vielleicht, vielleicht ist es ja Regine... und wenn auch dem nicht so ist... die Ente werde ich finden, irgendwann, wenn ich endlich anfange zu suchen! Lieber Gruss vom Hans oder so.


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Samstag, 13. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Haselnuss-Wiederholung

Ich bin um 9 aufgestanden. Eigentlich habe ich den Wecker - besser gesagt den Handywecker - auf 8 gestellt, aber ich bin vom "Fünfminüteler", zum "Zehnminüteler", zum "Halbstündeler" und an Wochenenden zum "Stündeler" (...?) geworden. Nach einer Stunde stehe ich aber dann wirklich auf, egal, ob ich Lust habe oder nicht, egal, ob ich Kopfschmerzen habe oder nicht. Ich stehe auf. Ich habe die graue Trainingshose angezogen, die schwarze Mütze mit Seitenklappen über den Ohren, endend in zwei Wollzöpfen in der Höhe der Brust, aufgesetzt, damit man meine zerknautschte Frisur nicht sehen kann (blöd sieht's zwar trotzdem aus, aber egal...), weil ich die Wäsche in den Keller bringen wollte und eventuell auf einen Bewohner dieses Hauses treffen könnte. Ich habe mir nicht einmal die Zähne geputzt. Ich habe einen Kaffee gemacht, einen Kaffee mit zwei Zuckern. Ich habe den Laptop eingeschaltet und irgendwas gesucht. Ich weiss nicht mehr was. Das ist auch nicht so wichtig, weil es nur eine Angewohnheit ist, eine Angewohnheit, eine Wiederholung, wie man jeden Morgen im Bus an denselben Platz sitzt. Eine Angewohnheit ohne Sinn und Zweck. Computer an, Kaffeetasse neben den Bildschirm stellen und suchen, lesen, schauen, schreiben bis der Kaffee kalt ist. Dann einen Schluck und der kalte, süssbittere Kaffe ist weg. Ich bin kein Geniesser. War ich noch nie.
Die Sonne hat in meine Stube geschienen und ich bin auf den Balkon gegangen, mit einem weiteren gezuckerten Kaffee in der Hand und habe in den Schnee geschaut, der durch die grelle Sonne in meine geschwollenen Augen geblendet hat. Zwei Kurzgeschichten aus Sofareisen vom stillen Has. Ich habe die Sofareisen schon einmal gelesen, aber das ist eine weitere Angewohnheit von mir, Bücher - wenn ich sie denn gut gefunden habe - zweimal zu lesen. Kurzes Blättern in der Zeitung, die ich mir beim Gang in die Waschküche aus dem Briefkasten geholt habe, ein grosser Schluck bittersüssen Kaffee. Er war schon wieder kalt. Aber ich bin ja kein Geniesser.
Dann habe ich mich kurz auf das Sofa gelegt, das mausgraue Riesensofa. Ich liebe dieses Sofa. Es gehört leider meiner Schwester. Wenn wir irgendwann nicht mehr zusammenwohnen werden, muss ich mich von ihm trennen, habe ich gedacht und habe die Augen geschlossen, um mich meinen pulsierend blitzenden Kopfschmerzen hinzugegeben. Ich habe über den doofen Artikel in der Zeitung nachgedacht und mich ein bisschen geärgert. Dann habe ich entschlossen, doch die Augen zu öffnen, nur ein bisschen, und durch die Wimpern auf ein verschwommenes Bild meiner Wohnstube geschaut. Ich sah viel Weiss, links einen grünen Klecks, der die Zimmerpflanze darstellen soll, einen anthrazitfarbenen, rechteckigen Fernsehbildschirm, das rosa Hello-Kitty-Telefon und die überwiegend blaue Weltkarte. Schön, habe ich gedacht. Schön leer. Weiss und Leere lässt Platz für Interpretation, hat auch die Frau im doofen Zeitungsartikel gesagt. Besser, ich widme mich anderen Gedanken, habe ich entschieden, und mich gefragt, was ich wohl über mich denken würde, wenn ich zurück in die Vergangenheit gehen könnte, wieder fünf wäre und mich als 28jährige betrachten könnte. Meine kurzen Strubelhaare, die ich heute so liebe, hätte ich bestimmt gehasst, damals. Ich wäre wahrscheinlich erschrocken und hätte vielleicht sogar geweint, bei der Vorstellung, dass ich einmal so aussehen würde... Meine Wohnung, ich glaube, die hätte ich schon mit fünf gemocht. Die ist voller Gegensätze, und Gegensätze haben mich schon immer angesprochen. Meine Arbeit. Meine Arbeit... Was ist überhaupt meine Arbeit? Putzfrau, Fotografin, Künstlerin oder Dozentin? Dozentin klingt cool, irgendwie. Es klingt erfolgreich. Ich müsste mir gegenüber ja nicht erwähnen, dass ich nur zweimal die Woche und nur ein Semester pro Jahr unterrichte... Aber Dozentin klingt auch nach Wollkleidern, was ich gehasst habe, und es klingt nach einer strengen, kurzhaarigen, frustrierten alten Jungfer... Dann vielleicht doch lieber Künstlerin... Dass klingt gut, aber schon eine Fünfjährige weiss, dass Künstler komisch sind und selten Geld haben. Ich habe mir keine konkreten Gedanken gemacht, was ich einmal werden will, mit fünf. Einmal wollte ich Ärztin werden, dann Friseuse, Astronautin, Kindergärtnerin, Grossmutter... So steht es in den Poesiealben und in den Tagebüchern, die ich kürzlich ausgegraben habe. Ich wollte, dass ich einmal glücklich bin. Wer will das nicht? Ich bin meinem Herz gefolgt, glaube ich. Und da stehe ich heute - oder besser gesagt, da liege ich heute, auf dem mausgrauen Sofa... Ich habe mich dann doch entschieden, die Augen ganz zu öffnen und bin aufgestanden. Ich bin ins Bad gegangen, habe mir die Zähne geputzt. Was könnte ich heute anstellen? Samstag. An Samstagen muss ich nie etwas. Das habe ich mir so eingerichtet, eingeredet. Ich könnte lesen. Ich könnte knipsen. Ich könnte joggen. Ich könnte putzen. Putzen klingt aber nach Müssen und Sport irgendwie auch, Knipsen sowieso. Das ist ja mein Beruf, einer meiner Berufe... Am Abend ist die Vernissage. Ich mag keine Vernissagen - um nicht zu sagen, ich hasse sie. Was ich wohl anziehen soll, habe ich mich gefragt. Mein Outfit stand schon fest im November, als ich erfahren habe, dass ich ausstellen kann. Zuerst die Freude, dann die Kleidung. Ich habe mir damals neue Schuhe gekauft, im November - schwarze Stöckelschuhe, wunderbare Schuhe! Schuhe, die richtig glücklich machen! Mit dem Entscheid für die Schuhe habe ich dann vor meinem inneren Auge die dazu passende Hose und das Oberteil gesehen. Aber es hat Schnee heute. Ich bin Künstlerin, Fotografin, Dozentin, Putzfrau, was dazu geführt hat, dass ich kein Auto besitze. Ich muss zu Fuss gehen. Mit 10cm hohen Stöckelschuhen kann ich nicht zu Fuss zur Vernissage gehen, zu mindest nicht bei Schnee und ich habe keine Lust mein Schuhwerk vor dem Kunstmuseum auszuwechseln. Also muss ein neues Outfit gefunden werden. Zuerst Schuhe auswählen, dann weitersehen mit dem inneren Auge. Aber die Wahl für den passenden Schuh... Das braucht Zeit. Und es braucht Lust am Umziehen, einmal, zweimal, dreimal und das Ganze wieder von vorne. In der Wohnung über mir habe ich stampfende Schritte gehört, dann das Surren eines Staubsaugers. Ich mag dieses Geräusch nicht, besonders wenn ich Kopfweh habe, macht mich das irgendwie aggressiv. Vielleicht sollte ich einen Spaziergang machen durch die verschneiten eismatschigen Strassen, habe ich überlegt. Das macht den Kopf frei für den Schuhentscheid und ich könnte vom Staubsaugerlärm flüchten.
In den felligen Winterstiefel stapfe ich nun abwechslungsweise durch Matsch und rutsche über Eisflächen. Ich mag die Geräusche, die die Schuhe auf den verschiedenen Unterlagen erzeugen und ich mag das Spritzen des dreckigen Matschs. Als kleines Mädchen bin ich von Pfütze zu Pfütze gesprungen und habe mich an den Tönen und am Spritzen erfreut, immer wieder und wieder. Wiederholungen, erfreuen. Warum mag ich eigentlich Vernissagen nicht, und warum mache ich mir dann doch immer so viele Gedanken, was ich anziehen soll? Ich mag nicht, dass man lächeln muss. Wenn ich aber dann da bin, dann lächelt es mir von selber. Trotzdem übe ich das Lächeln manchmal vor dem Spiegel, verziehe die Mundwinkel zu einer Grimasse. Ein Lächeln vor dem Spiegel gelingt mir nicht. Ich strecke mir die Zunge heraus, jedes Mal. Wiederholungen... und wenn ich dann da bin lächelt es mir von selber, weil ich mich freue. Vielleicht ist es einfach "cool", sich nicht zu freuen, zu denken "Scheissvernissagen", vielleicht... Die Stasse biegt in die Allee ein. Ein rotes Auto spitzt Matsch auf alle Seiten, fffrrrrmmmmffffffff. Dann die Aare. Di schöni grüeni Aare. Ich überquere die Hängebrücke. Die eisige Kälte umgibt mein Gesicht. Die Kopfschmerzen sind weg. Die Gedanken fliessen frei. Sie fliessen wie die Aare. Di schöni grü... Die Gummisohlen meiner Stiefel zerdrücken die Eisüberzüge auf den Kieselsteinen. Ein angenehm knackendes Geräusch, wie wenn Haselnüsse geöffnet werden. Haselnüsse. Ich glaube, ich ziehe die haselnussbraunen Wildlederstiefel - es sieht so aus, als wäre es Wildleder. Ist aber in Wirklichkeit irgendwas anderes - mit den Kordeln an der Rückseite an. Die passen gut. Die passen zu heute. Ich gehe nach Hause. Was mache ich heute noch, an einem Samstag? Ich schaue in den Spiegel. Rote Nase. Rote Wangen. Ich verziehe mein Gesicht zu einer Lächel-Grimasse und strecke dann die Zunge heraus. Dann lege ich mich aufs mausgraue Sofa, schaue an die weisse, leere Decke. Die lässt Raum für Interpretation, denke ich und male in Gedanken Bilder auf die weisse Interpretationsdecke. Ich ziehe heute die haselnuss-braunen Stiefel an. Die passen gut. Die passen zu heute. Ich muss lächeln, kein Grimassen-Lächeln diesmal, ein Glücklich-Lächeln. Und da liege ich nun, auf dem mausgrauen Sofa, zufrieden und denke, Wiederholungen sind gut, immer noch, immer wieder...


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Ein Augenwurm-Refrain

Kliklack, kliklack macht die Nikon heute wieder. Kliklack. Die Welt ist voller Bilder, die von ihr festgehalten werden wollen. Die Bilder sind wie Lieder - Refrains gibt es viele. Es gibt Kabel-Refrains. Kabel, Kabelsalate werden immer wieder von der Nikon und von der Lumix angezogen. Es gibt Toiletten-Refrains. Kliklack - ein WC aus türkisgrünen "Plättli". Kliklack - ein rosa geblumtes WC. Und es gibt Wolken-Refrains. Farbige Wolken, dichte, graue Nebelwolken, weisse Schäfchenwolken, rosa Kitschwolken für verlorene Romantiker, Regenwolken, Wolken, Wolken, Monsterwolken und Federkissenwolken. Kliklack, immer wieder kliklack. ("Die Kamera macht nicht kliklack" hat Toby gesagt. Ich habe noch einmal hingehört. Meine Nikon macht aber klicklack. Die Lumix macht zuerst pssst dann plägg, wie ein Tropf, der aus dem undichten Wasserhahn platscht. Manchmal macht sie auch pssstpssstpssst. Sie weiss nicht, was scharf werden soll und ich denke "Löu, mach doch mau plägg, süsch isch der Momänt scho verbi, woni wott festhalte!" [Meine Kameras sind alle maskulin, obwohl sie kein "Schnäbi" haben], und wenn sie dann immer noch pssstpssst macht, denke ich "Gigu!", dann macht sie extra nicht mehr plägg und lacht mich aus...)
Die Refrain-Bilder und alle anderen Bilder, die die Melodie dazwischen singen, kommen auf den MacProBookLaptop, verschwinden in verschiedene Ordner unter "Meine Dateien", "Persönliches". Dort verfallen die Liederbilder in einen Winterschlaf, der auch durch den Sommer andauert. Sie werden abgelegt, und sie werden vergessen.
Die Nikon und die Lumix halten Bilder fest, um Bilder festzuhalten, als wollten sie etwas gegen die Vergänglichkeit ausrichten, als wollten sie ein Stück Zeit festhalten. Sie halten sich krampfhaft fest an den vergänglichen Zeitliederbildern, die dann doch im Abgrund eines Computers verschwinden. Und die Bilder beginnen zu streiten. Sie streiten einen Bilderstreit, einen Machtkampf. Sie messen sich und treten vor ihre Eltern, die zweiäugige Jury - meine Augen. Sie wollen nicht zu einer sinnlosen Datei im tiefen Abgrundschaos eines MacProBooks werden. Sie wollen Bilder sein. Ist das zu viel verlangt? Sie wollen zu den privilegierten Bildern gehören, die ich - Narzisstin von Geburt an und aus Leidenschaft - meinen 294 besten Facebook-Freunden aufzwinge. Oder sie wollen gar einen Platz auf meiner Homepage ergattern. Sie wollen Lieder singen, Melodien und Refrains trällern. Aber sie werden Opfer eines brutalen Selektionsverfahrens. Sie werden Opfer der Mehrklassenbildergesellschaft und werden gnadenlos aussortiert, als gäbe es einen Bilderrassismus unter den farbigen Bildern und auch unter den schwarz-weissen Bildern.
Kliklack, kliklack und wieder werden neue Liederbilder geboren. "Es gibt schon zu viele von uns!" Schreien die Liederkinderbilder ihre Augeneltern an. "Ihr könnt doch nicht noch mehr von uns gebären. Ihr werdet uns schon jetzt nicht gerecht!" Dann hören die Nikon und die Lumix für eine Weile auf zu klicken und pläggen, für ein paar Stunden, manchmal sogar für ein paar Tage. Dann ist es still. Keine Lieder mehr, keine Ohrwurmrefrains, Augenwurmrefrains mehr, und ich werde traurig.
Plötzlich fängt ein blau-weisser Kugelschreiber an zu kritzeln. Er macht chchchtchtchtchchchchcht chtcht. und es entstehen Worte. Worte werden Sätze, Sätze werden wieder Bilder, Wortbilderlieder. Dann stimmt die Nikon wieder mit ein und die Lumix. Sie singen im Chor von Wolken, von Toiletten, von Bahnhöfen und Kabelsalaten, von Wänden, von Schnee, von Fussballtoren und wieder von Wolken. Sie nehmen sich wichtig, zu wichtig vielleicht. Aber sie machen mich glücklich.
Und sie lachen und sagen "Du bist gar keine Fotografin. Du bist eine verlorene Bilderfesthalterin, Bildersucherin, Bildersammlerin."
Ich will aber lieber eine Bildersängerin sein.
Kliklack, kliklack, pssstpssspssst. "Gigu!"


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Sonntag, 7. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

...und immer wieder dieses Rot



* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten