Sonntag, 21. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Der Geschichtensammler

Er hat schwarze Haare, die bis über seine Schultern reichen, schwarze Rastas - wahrscheinlich hat es auch schon ein paar graue darunter. Seine Haut ist kaffeebraun, die Nase hat die Form eines Pfelilbogens. Er steht alleine an die Wand gelehnt im Café Mokka. Er steht da, alleine seit ich das erste Mal das Mokka betreten habe. Er trägt ein schwarzes Hemd, immer. Sein Alter ist schwer einzuschätzen. Vielleicht ist er 40, vielleicht 50, vielleicht auch älter (oder jünger?)... Aber egal wie alt er ist, so alt war er immer.
Ich betrete das Mokka. Er ist da. Er steht da. Er schaut. Er lacht. Er lächelt. Manchmal bewegen sich seine Lippen. Worte hört man keine. Es ist zu laut. Er raucht. Er beobachtet. Er trinkt etwas und schaut dem Treiben zu. Wie er wohl seine Beobachtungsopfer auswählt? Wenn sie lachen, lacht er mit, für sich alleine. Wenn sie sich streiten, schaut er traurig zu. Ich habe ihn noch nie mit jemandem reden sehen. Ich habe ihn noch nie an einem anderen Ort angetroffen, als in seinen zwei Plätzen im Mokka, Plätze, von denen man zum Eingang sieht. Unscheinbar, als wäre er nicht vorhanden, saugt er die Umgebung in sich auf und verwandelt das Erlebte im Innern in seine eigenen Geschichten. All die Momente der Mokka-Besucher werden zu seinen Momenten, werden zu seiner Geschichte.
Am Samstag war ich alleine im Mokka. Das habe ich früher oft gemacht. Ich bin einfach alleine losgezogen und bin ins Mokka gegangen. Irgendjemanden habe ich da immer getroffen. Am Samstag habe ich das auch wieder einmal gemacht. Ich habe aber niemanden gekannt, niemanden erkannt - ausser ihn. Ich habe ihn gegrüsst. Warum habe ich ihn vorher nie gegrüsst, den Beobachter, den Geschichtensammler in der Ecke? Er hat zurück gegrüsst und gelächelt. Er hat mich erkannt. Er kennt wahrscheinlich alle, die im Mokka ein- und ausgehen. Er kennt die Gesichter. Er kennt viele Geschichten. Er erzählt sie nie, nur sich selber. Er beobachtet, als wäre er Big Brother.
Ich habe mich an die weisse Wand gelehnt - die weisse Wand, die ich am Abend oder am nächsten Tag von der Kleidung wasche, aus dem Halstuch klopfe. Ich habe etwas zu Trinken bestellt und zugeschaut. Ich habe ihm zugeschaut, wie er anderen zuschaut, und ich bin seinem Blick gefolgt: Ein Pärchen, vielleicht 18. Sie war klein. Ihr blondes Haar hatte sie zu einer komplizierten Frisur gesteckt. Sie trug ein rotes Träger-Shirt und Bluejeans. Er war fast einen Kopf grösser als sie. Sein weites T-Shirt hing unförmig über seine Baggyjeans, versteckte aber nicht seine muskulösen Oberarme. Beide hatten ein Bier in der Hand, sie ein Vollmond, er ein grosses Boxer. Sie haben zusammen getanzt, sich verliebt angeschaut und gelacht. Er hat sie im Kreis herum gewirbelt. Die sind bestimmt noch nicht so lange zusammen, so verliebt, wie die einander angucken, habe ich gedacht. Ob sie noch zur Schule gehen? Wahrscheinlich haben sie sich auf dem Gymnasium oder in der Berufsschule kennen gelernt. Sie könnte Friseuse sein, der aufwändigen und perfekten Steckfrisur nach zu urteilen, und er ist wahrscheinlich Schreiner oder Maurer. Auf jeden Fall wird er einen handwerklichen Beruf ausüben, so kräftig wie er gebaut ist. Oder er arbeitet im Büro und treibt sonst viel Sport, aber dann würde er wahrscheinlich nicht so viel Bier trinken. Sie tanzten, sie torkelten ein bisschen. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie schaute auf die Flasche in ihrer Hand, setzte sie an, nahm einen kräftigen Schluck und streckte ihm die leere Flasche hin. Er nahm sie, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und verschwand um die Ecke. Einen Kuss auf die Stirn! Das ist süss, habe ich gedacht und bin ein bisschen erschrocken, wie schnell ich in eine fremde Geschichte eingetaucht bin. Ich habe mich zum Geschichtensammler gedreht. Er stand immer noch da, schaute zum blonden Mädchen und lächelte zufrieden vor sich hin. Dann wanderten seine Augen wieder durch die Menge, wahrscheinlich auf der Suche nach einer neuen Geschichte. Dabei kreuzten sich unsere Blicke erneut.
Wer er wohl ist? Wo er wohl herkommt? Was er arbeitet? Vielleicht kommt er aus Tunesien. Er ist vor vielen Jahren in die Schweiz gekommen, aber weil er so schüchtern ist, hat er fast niemanden kennen gelernt und somit auch die Deutsche Sprache nie wirklich gelernt. Aber er ist ohnehin nicht hierher gekommen, weil er Menschen kennen lernen wollte. Ausserdem mag er den Klang einer unverständlichen Sprache, und er mag beobachten und dazu seine eigene Geschichte erfinden. Er ist Dichter oder Schriftsteller. Er geht ins Mokka und lässt sich von den Menschen und ihrem Treiben inspirieren. Er sammelt ihre Geschichten und schreibt zu Hause Bücher auf Französisch oder Arabisch. In seinem Heimatland Tunesien ist er berühmt. Alle verschlingen seine Geschichten und warten schon nach dem Erscheinen seines neusten Werkes wieder auf das nächste. Seine Bücher heissen Zwischen Vollmond und Sonnenaufgang (mit Vollmond meint er natürlich das Bier, aber es ist auch ein wunderbares Wortspiel, findet er) und Boxer (damit meint er das andere Bier und spielt damit auf den Faust von Johann Wolfgang Goethe an. Er scheint Wortspiele zu mögen! Seinerzeit, als er sich entschieden hat, Tunesien zu verlassen, hat er sich auch nicht zuletzt wegen seiner Liebe für Wortspiele für Thun entschieden. Der Klang des Namens hat ihn an die Hauptstadt seines Heimatlandes erinnert, was er lustig fand. Ursprünglich wollte er nämlich nach Zürich gehen - die einzige Stadt, die er in der Schweiz gekannt hat... Er hatte schon gepackt und war auf Wohnungssuche, dann hörte er von einer Stadt, namens Thun. Heute ist er aber froh, hier gelandet zu sein. Er war einmal in Zürich - viel zu gross, viel zu laut, und er hatte irgendwie immer das Gefühl, dass Züri brännt... Warum, weiss er selber nicht...). Er lebt in einer bescheidenen Wohnung. Sie hat nur zwei Zimmer. In einem Zimmer steht ein Bett und an Stelle eines Nachttischchens hat er einige Bücher aufeinander gestapelt. Darauf steht ein dreiarmiger, mit verschiedenfarbigem Wachs übertropfter Kerzenständer, ein Geschenk seiner grossen Liebe - das Einzige, was er aus seinem Heimatland mit nach Thun genommen hat. Drei rote Kerzen stehen darin und daneben liegt eine Zündholzschachtel mit einem Bild der Luzerner Kappelbrücke, ein Zettel und ein Kugelschreiber mit der Aufschrift Swisscom. Im anderen Zimmer stehen ein Tisch und ein Stuhl. Auf dem Stuhl liegen ein hellblaues, abgewetztes Kissen und auf dem Tisch steht eine kleine Lampe, viele weisse und auch beschriebene Blätter, Kugelschreiber und Bücher. Also eigentlich ist nicht nur der Tisch voller Bücher und Blätter, das ganze Zimmer ist überstellt davon. Ich glaube, nicht einmal der Geschichtensammler selber weiss, ob unter den Büchern und Papieren Parkett- oder Teppichboden versteckt ist. Und auch die Wand ist voll gehängt mit Papierstücken voller Kritzeleien und Notizen auf Französisch, Arabisch und einige Worte auf Deutsch - wahrscheinlich seine Ideen. Er hat keinen Fernseher, keinen Computer. In der kleinen Küche steht ein schwarzer Radio mit einer langen Antenne auf dem Kühlschrank, und neben der Eingangstür hängt ein schwarzes Telefon auf einer silbernen Gabel - die einzigen technischen Apparate, die er besitzt. Er ist ein Nostalgiker, deshalb auch das alte Telefon, mit dem er manchmal seine Familie anruft oder mit dem Verlag in Tunis telefoniert.
Wenn er gegen Morgen von seinen Sammeltouren aus dem Mokka nach Hause kommt, trinkt er einen Kaffee, den er sich auf dem Heimweg am Bahnhofbuffet holt, und legt sich dann für einige Stunden aufs Ohr. Er schläft aber nie sehr lange. Er will schreiben. Er kann am besten am Morgen schreiben und seine Wohnung ist ohnehin ziemlich lärmig am Vormittag, weil sich unter ihr eine Bäckerei befindet, die sieben Tage die Woche geöffnet hat. Manchmal verlässt er tagelang seine Wohnung nicht. Er schreibt und schreibt und schreibt. Er vergisst dabei sogar zu essen. Zum Glück hat er eine aufmerksame Nachbarin. Eine alte Dame, der er einmal zwei Koffer in den zweiten Stock geschleppt hat, als er sie im Eingang angetroffen hat. Seit dem mag sie den Geschichtensammler, ausserdem ist er ruhig. Sie hört nie ein Geräusch aus der Wohnung unter ihr, ausser manchmal das Plätschern des Wassers, wenn er duscht. Wenn sie ihn länger nicht mehr antrifft, geht sie manchmal klingeln und bringt ihm einen Berliner oder einen Nussgipfel aus der Bäckerei mit. Er dankt es ihr mit einem freundlichen Lächeln und revanchiert sich dann seinerseits wieder mit Taschen schleppen, wenn er die Dame nach einem Einkauf im Treppenhaus antrifft. Eine wortlose Freundschaft ist mittlerweile zwischen den beiden entstanden.
Im Moment lebt er wieder einmal sehr zurückgezogen. Es ist Weihnachtszeit, und das Mokka ist bis am 26. Dezember geschlossen. Er hat sich mit einigen Packungen Reis und gefrorenem Hammelfleisch eingedeckt. Ausserdem hat ihm die nette alte Dame selbstgemachtes Weihnachtsgebäck vor die Türe gestellt. Er nutzt die Zeit, um an seiner neusten Idee zu schreiben, einem Roman über ein junges Paar, das sich im Mokka (wie könnte es anders sein...) kennen gelernt hat, als sich zwei ihrer Freunde wegen einer Bagatelle blutig geschlagen haben. Eine absurde Geschichte über Gewalt, die eine junge Liebe entflammen lässt. Einen Titel hat er noch keinen. Die Titel findet er normalerweise in seinen Träumen, aber erst wenn er ein Werk zu Ende geschrieben hat. Er träumt etwas, woran er sich später nicht mehr erinnern kann und wacht dann auf, mit einem Satz oder einem Wort im Kopf. Diese schreibt er noch im Halbschlaf auf den Zettel auf seinem Nachttisch aus Büchern und fällt dann einen traumlosen Schlaf, der dann ohne Weiteres bis nach dem Mittag dauern kann. Wenn er also aufschreckt und erstaunt feststellt, dass es schon Nachmittag ist, blickt er sogleich auf den Büchernachttisch neben dem Bett und findet da den Titel seines neusten Buches in seiner Handschrift - und erstaunlicherweise immer auf Deutsch - auf dem Zettel geschrieben.
Er geht nur noch selten nach Tunesien (ab und zu besucht er seine Familie in einem abgelegenen Dorf an der Grenze zur Sahara), nicht des Geldes wegen - davon hätte er genug, weil er ja ein erfolgreicher Geschichtenschreiber ist - aber er mag es nicht, erkannt zu werden. Er will keinen Ruhm, und den Rummel um seine Person mag er auch nicht sonderlich. Er mag es einfach, Geschichten zu erzählen, und er mag die Einsamkeit. Deshalb bleibt er in Thun, wo ihn niemand kennt, und sammelt weiter Geschichten.
Dass mein Glas leer war, bemerkte ich erst, als ein Eiswürfel gegen meine Zähne klatschte. Ich schaute mich um: Immer noch niemand da, den ich kannte - ausser dem jungen Pärchen und dem Geschichtensammler. Das Pärchen war wieder am tanzen, sie mit einem halbvollen Vollmond in der linken Hand und er mit einem Boxer. Der Geschichtensammler stand in seiner Ecke an die Wand gelehnt, eine Zigarette in der Hand und ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht. Ich habe meine Jacke genommen, habe versucht so gut es ging, die weisse Farbe aus dem Stoff zu klopfen. Im Gehen habe ich ihm zugenickt. Ich weiss nicht, ob er mich noch bemerkt hat, wahrscheinlich war er zu sehr vertieft ins Sammeln von Geschichten für seinen neusten Roman.


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Liebe Ente

Die gelbe Badeente schaut mich vorwurfsvoll an. Jede Woche, wenn ich das Badezimmer putze, schaut sie vorwurfsvoller (was für ein wunderschönes Wort - vorwurfsvoller - fast so schön wie neue Schuhe!). Also die Ente, sie schaut jede Woche vorwurfsvoller. Ich habe ihr schon vor Monaten versprochen, ihren Bruder (oder ist es die Schwester?) bei meinen Eltern auf dem Estrich zu suchen. Normalerweise versuche ich meine Versprechen zu halten. Aus einem mir selber unerklärlichen Grund fällt es mir aber schwer, schon wieder auf den Estrich zu gehen um zu suchen, nach der anderen gelben Ente zu suchen. Es ist nicht der Estrich, der mich davon abhält. Ich mag den Estrich. Er ist voller kleiner Gegenstände, kleine Erinnerungsgegenstände. Es ist also nicht der Estrich. Es ist das Suchen. Ich suche in letzter Zeit wieder ziemlich oft. Das habe ich ja kürzlich schon erwähnt. Ich suche nach Gegenständen (eine verlorene schwarze Instantkamera mit silbernem Schriftzug, den zweiten Ohrring, ein Geschenk für meine Grossmutter zu Weihnachten, ab und zu den Hausschlüssel) Ich suche nach Erklärungen und manchmal nach Ausreden. Ich suche nach Worten und oft nach Entscheidungen. Jetzt kann natürlich jemand ganz weise behaupten, das ganze Leben sei eine Suche. Aber manchmal habe ich das Suchen einfach satt. Egal, ob das Leben aus Suchen besteht: Wie wäre es zur Abwechslung mit Finden? Natürlich, ich finde jeden Tag etwas. Ich finde eine Beschäftigung. Ich finde Staub in meiner Wohnung (der sammelt sich meist unter dem roten Sofa im Eingangsgang. Eingangsgang? Ein Eingang ist ja schon ein Gang, aber es gibt Eingangshallen und mein Eingang ist ein schmaler Gang, ein schmaler Gang im Eingang, also ein Eingangsgang). Ich finde Worte, die ich nicht gesucht habe, aber auch nicht finden wollte (eigene und fremde). Ich finde Ausreden (natürlich nicht meine, sondern fremde. Die eigenen suche ich ja...) und ich finde verfaulte Orangen in meinem Kühlschrank (das ich diese nicht finden will, müsste jedem klar sein). Aber ich finde kein Geld und ich finde vor allem keine Entscheidungen. Alles, was ich suche, finde ich nicht und was ich finde, suchte ich nicht. Ich heisse aber nicht Hans und wohne auch nicht im Schneckenloch - oder doch...? Ich weiss gar nicht, was ein Schneckenloch ist... Google sucht und Google findet auch... Google findet Wikipedia: Die Schneckenlochhöhle, auch Schneckenloch, ist eine große Karsthöhle bei Schönenbach im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Ob das die besagte Hans-Höhle ist? Aber Hans heisse ich nicht. Ich hätte Roland geheissen, wäre ich mit Penis zur Welt gekommen. Roland... Zum Glück - für einmal - habe ich keinen Penis. Ich mag den Namen Roland nicht. Ich entschuldige mich bei allen Rolands, Roländer, Rolanden, aber Roland klingt in meinen Ohren nach Rollmops, wie jtz tüet dir da di Rölleli dra u löts eifach la loufe. Eifach la fahre... u när Znüni nä....
Wenn ich die gelbe Ente suchen würde, hätte ich wahrscheinlich Erfolg, weil ich sie mit grosser Sicherheit finden würde. Ich würde finden, was ich suche. Wahrscheinlich suche ich nicht, weil ich gar nicht finden will oder ich finde nicht, weil ich nicht suche. Ich glaube nur zu suchen und singe in Wirklichkeit nur immer wider das Lied vom Hans....
Liebe Ente, ich werde meine Eltern noch einmal fragen, ob ich nicht vielleicht doch Hans geheissen hätte, wäre ich ein Junge geworden, und wenn ich dann schon bei meinen Eltern bin, um nach einer Antwort auf meine Frage zu suchen, kann ich auch gleich die andere Ente, dein Geschwisterchen suchen - und wahrscheinlich auch finden. Und wenn nicht, also, wenn meine Eltern sagen, ich hätte Roland geheissen, dann googel ich mal, was das weibliche Pendant zu Hans ist (und Google findet fast immer, was ich suche). Vielleicht, vielleicht ist es ja Regine... und wenn auch dem nicht so ist... die Ente werde ich finden, irgendwann, wenn ich endlich anfange zu suchen! Lieber Gruss vom Hans oder so.


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Samstag, 13. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Haselnuss-Wiederholung

Ich bin um 9 aufgestanden. Eigentlich habe ich den Wecker - besser gesagt den Handywecker - auf 8 gestellt, aber ich bin vom "Fünfminüteler", zum "Zehnminüteler", zum "Halbstündeler" und an Wochenenden zum "Stündeler" (...?) geworden. Nach einer Stunde stehe ich aber dann wirklich auf, egal, ob ich Lust habe oder nicht, egal, ob ich Kopfschmerzen habe oder nicht. Ich stehe auf. Ich habe die graue Trainingshose angezogen, die schwarze Mütze mit Seitenklappen über den Ohren, endend in zwei Wollzöpfen in der Höhe der Brust, aufgesetzt, damit man meine zerknautschte Frisur nicht sehen kann (blöd sieht's zwar trotzdem aus, aber egal...), weil ich die Wäsche in den Keller bringen wollte und eventuell auf einen Bewohner dieses Hauses treffen könnte. Ich habe mir nicht einmal die Zähne geputzt. Ich habe einen Kaffee gemacht, einen Kaffee mit zwei Zuckern. Ich habe den Laptop eingeschaltet und irgendwas gesucht. Ich weiss nicht mehr was. Das ist auch nicht so wichtig, weil es nur eine Angewohnheit ist, eine Angewohnheit, eine Wiederholung, wie man jeden Morgen im Bus an denselben Platz sitzt. Eine Angewohnheit ohne Sinn und Zweck. Computer an, Kaffeetasse neben den Bildschirm stellen und suchen, lesen, schauen, schreiben bis der Kaffee kalt ist. Dann einen Schluck und der kalte, süssbittere Kaffe ist weg. Ich bin kein Geniesser. War ich noch nie.
Die Sonne hat in meine Stube geschienen und ich bin auf den Balkon gegangen, mit einem weiteren gezuckerten Kaffee in der Hand und habe in den Schnee geschaut, der durch die grelle Sonne in meine geschwollenen Augen geblendet hat. Zwei Kurzgeschichten aus Sofareisen vom stillen Has. Ich habe die Sofareisen schon einmal gelesen, aber das ist eine weitere Angewohnheit von mir, Bücher - wenn ich sie denn gut gefunden habe - zweimal zu lesen. Kurzes Blättern in der Zeitung, die ich mir beim Gang in die Waschküche aus dem Briefkasten geholt habe, ein grosser Schluck bittersüssen Kaffee. Er war schon wieder kalt. Aber ich bin ja kein Geniesser.
Dann habe ich mich kurz auf das Sofa gelegt, das mausgraue Riesensofa. Ich liebe dieses Sofa. Es gehört leider meiner Schwester. Wenn wir irgendwann nicht mehr zusammenwohnen werden, muss ich mich von ihm trennen, habe ich gedacht und habe die Augen geschlossen, um mich meinen pulsierend blitzenden Kopfschmerzen hinzugegeben. Ich habe über den doofen Artikel in der Zeitung nachgedacht und mich ein bisschen geärgert. Dann habe ich entschlossen, doch die Augen zu öffnen, nur ein bisschen, und durch die Wimpern auf ein verschwommenes Bild meiner Wohnstube geschaut. Ich sah viel Weiss, links einen grünen Klecks, der die Zimmerpflanze darstellen soll, einen anthrazitfarbenen, rechteckigen Fernsehbildschirm, das rosa Hello-Kitty-Telefon und die überwiegend blaue Weltkarte. Schön, habe ich gedacht. Schön leer. Weiss und Leere lässt Platz für Interpretation, hat auch die Frau im doofen Zeitungsartikel gesagt. Besser, ich widme mich anderen Gedanken, habe ich entschieden, und mich gefragt, was ich wohl über mich denken würde, wenn ich zurück in die Vergangenheit gehen könnte, wieder fünf wäre und mich als 28jährige betrachten könnte. Meine kurzen Strubelhaare, die ich heute so liebe, hätte ich bestimmt gehasst, damals. Ich wäre wahrscheinlich erschrocken und hätte vielleicht sogar geweint, bei der Vorstellung, dass ich einmal so aussehen würde... Meine Wohnung, ich glaube, die hätte ich schon mit fünf gemocht. Die ist voller Gegensätze, und Gegensätze haben mich schon immer angesprochen. Meine Arbeit. Meine Arbeit... Was ist überhaupt meine Arbeit? Putzfrau, Fotografin, Künstlerin oder Dozentin? Dozentin klingt cool, irgendwie. Es klingt erfolgreich. Ich müsste mir gegenüber ja nicht erwähnen, dass ich nur zweimal die Woche und nur ein Semester pro Jahr unterrichte... Aber Dozentin klingt auch nach Wollkleidern, was ich gehasst habe, und es klingt nach einer strengen, kurzhaarigen, frustrierten alten Jungfer... Dann vielleicht doch lieber Künstlerin... Dass klingt gut, aber schon eine Fünfjährige weiss, dass Künstler komisch sind und selten Geld haben. Ich habe mir keine konkreten Gedanken gemacht, was ich einmal werden will, mit fünf. Einmal wollte ich Ärztin werden, dann Friseuse, Astronautin, Kindergärtnerin, Grossmutter... So steht es in den Poesiealben und in den Tagebüchern, die ich kürzlich ausgegraben habe. Ich wollte, dass ich einmal glücklich bin. Wer will das nicht? Ich bin meinem Herz gefolgt, glaube ich. Und da stehe ich heute - oder besser gesagt, da liege ich heute, auf dem mausgrauen Sofa... Ich habe mich dann doch entschieden, die Augen ganz zu öffnen und bin aufgestanden. Ich bin ins Bad gegangen, habe mir die Zähne geputzt. Was könnte ich heute anstellen? Samstag. An Samstagen muss ich nie etwas. Das habe ich mir so eingerichtet, eingeredet. Ich könnte lesen. Ich könnte knipsen. Ich könnte joggen. Ich könnte putzen. Putzen klingt aber nach Müssen und Sport irgendwie auch, Knipsen sowieso. Das ist ja mein Beruf, einer meiner Berufe... Am Abend ist die Vernissage. Ich mag keine Vernissagen - um nicht zu sagen, ich hasse sie. Was ich wohl anziehen soll, habe ich mich gefragt. Mein Outfit stand schon fest im November, als ich erfahren habe, dass ich ausstellen kann. Zuerst die Freude, dann die Kleidung. Ich habe mir damals neue Schuhe gekauft, im November - schwarze Stöckelschuhe, wunderbare Schuhe! Schuhe, die richtig glücklich machen! Mit dem Entscheid für die Schuhe habe ich dann vor meinem inneren Auge die dazu passende Hose und das Oberteil gesehen. Aber es hat Schnee heute. Ich bin Künstlerin, Fotografin, Dozentin, Putzfrau, was dazu geführt hat, dass ich kein Auto besitze. Ich muss zu Fuss gehen. Mit 10cm hohen Stöckelschuhen kann ich nicht zu Fuss zur Vernissage gehen, zu mindest nicht bei Schnee und ich habe keine Lust mein Schuhwerk vor dem Kunstmuseum auszuwechseln. Also muss ein neues Outfit gefunden werden. Zuerst Schuhe auswählen, dann weitersehen mit dem inneren Auge. Aber die Wahl für den passenden Schuh... Das braucht Zeit. Und es braucht Lust am Umziehen, einmal, zweimal, dreimal und das Ganze wieder von vorne. In der Wohnung über mir habe ich stampfende Schritte gehört, dann das Surren eines Staubsaugers. Ich mag dieses Geräusch nicht, besonders wenn ich Kopfweh habe, macht mich das irgendwie aggressiv. Vielleicht sollte ich einen Spaziergang machen durch die verschneiten eismatschigen Strassen, habe ich überlegt. Das macht den Kopf frei für den Schuhentscheid und ich könnte vom Staubsaugerlärm flüchten.
In den felligen Winterstiefel stapfe ich nun abwechslungsweise durch Matsch und rutsche über Eisflächen. Ich mag die Geräusche, die die Schuhe auf den verschiedenen Unterlagen erzeugen und ich mag das Spritzen des dreckigen Matschs. Als kleines Mädchen bin ich von Pfütze zu Pfütze gesprungen und habe mich an den Tönen und am Spritzen erfreut, immer wieder und wieder. Wiederholungen, erfreuen. Warum mag ich eigentlich Vernissagen nicht, und warum mache ich mir dann doch immer so viele Gedanken, was ich anziehen soll? Ich mag nicht, dass man lächeln muss. Wenn ich aber dann da bin, dann lächelt es mir von selber. Trotzdem übe ich das Lächeln manchmal vor dem Spiegel, verziehe die Mundwinkel zu einer Grimasse. Ein Lächeln vor dem Spiegel gelingt mir nicht. Ich strecke mir die Zunge heraus, jedes Mal. Wiederholungen... und wenn ich dann da bin lächelt es mir von selber, weil ich mich freue. Vielleicht ist es einfach "cool", sich nicht zu freuen, zu denken "Scheissvernissagen", vielleicht... Die Stasse biegt in die Allee ein. Ein rotes Auto spitzt Matsch auf alle Seiten, fffrrrrmmmmffffffff. Dann die Aare. Di schöni grüeni Aare. Ich überquere die Hängebrücke. Die eisige Kälte umgibt mein Gesicht. Die Kopfschmerzen sind weg. Die Gedanken fliessen frei. Sie fliessen wie die Aare. Di schöni grü... Die Gummisohlen meiner Stiefel zerdrücken die Eisüberzüge auf den Kieselsteinen. Ein angenehm knackendes Geräusch, wie wenn Haselnüsse geöffnet werden. Haselnüsse. Ich glaube, ich ziehe die haselnussbraunen Wildlederstiefel - es sieht so aus, als wäre es Wildleder. Ist aber in Wirklichkeit irgendwas anderes - mit den Kordeln an der Rückseite an. Die passen gut. Die passen zu heute. Ich gehe nach Hause. Was mache ich heute noch, an einem Samstag? Ich schaue in den Spiegel. Rote Nase. Rote Wangen. Ich verziehe mein Gesicht zu einer Lächel-Grimasse und strecke dann die Zunge heraus. Dann lege ich mich aufs mausgraue Sofa, schaue an die weisse, leere Decke. Die lässt Raum für Interpretation, denke ich und male in Gedanken Bilder auf die weisse Interpretationsdecke. Ich ziehe heute die haselnuss-braunen Stiefel an. Die passen gut. Die passen zu heute. Ich muss lächeln, kein Grimassen-Lächeln diesmal, ein Glücklich-Lächeln. Und da liege ich nun, auf dem mausgrauen Sofa, zufrieden und denke, Wiederholungen sind gut, immer noch, immer wieder...


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Ein Augenwurm-Refrain

Kliklack, kliklack macht die Nikon heute wieder. Kliklack. Die Welt ist voller Bilder, die von ihr festgehalten werden wollen. Die Bilder sind wie Lieder - Refrains gibt es viele. Es gibt Kabel-Refrains. Kabel, Kabelsalate werden immer wieder von der Nikon und von der Lumix angezogen. Es gibt Toiletten-Refrains. Kliklack - ein WC aus türkisgrünen "Plättli". Kliklack - ein rosa geblumtes WC. Und es gibt Wolken-Refrains. Farbige Wolken, dichte, graue Nebelwolken, weisse Schäfchenwolken, rosa Kitschwolken für verlorene Romantiker, Regenwolken, Wolken, Wolken, Monsterwolken und Federkissenwolken. Kliklack, immer wieder kliklack. ("Die Kamera macht nicht kliklack" hat Toby gesagt. Ich habe noch einmal hingehört. Meine Nikon macht aber klicklack. Die Lumix macht zuerst pssst dann plägg, wie ein Tropf, der aus dem undichten Wasserhahn platscht. Manchmal macht sie auch pssstpssstpssst. Sie weiss nicht, was scharf werden soll und ich denke "Löu, mach doch mau plägg, süsch isch der Momänt scho verbi, woni wott festhalte!" [Meine Kameras sind alle maskulin, obwohl sie kein "Schnäbi" haben], und wenn sie dann immer noch pssstpssst macht, denke ich "Gigu!", dann macht sie extra nicht mehr plägg und lacht mich aus...)
Die Refrain-Bilder und alle anderen Bilder, die die Melodie dazwischen singen, kommen auf den MacProBookLaptop, verschwinden in verschiedene Ordner unter "Meine Dateien", "Persönliches". Dort verfallen die Liederbilder in einen Winterschlaf, der auch durch den Sommer andauert. Sie werden abgelegt, und sie werden vergessen.
Die Nikon und die Lumix halten Bilder fest, um Bilder festzuhalten, als wollten sie etwas gegen die Vergänglichkeit ausrichten, als wollten sie ein Stück Zeit festhalten. Sie halten sich krampfhaft fest an den vergänglichen Zeitliederbildern, die dann doch im Abgrund eines Computers verschwinden. Und die Bilder beginnen zu streiten. Sie streiten einen Bilderstreit, einen Machtkampf. Sie messen sich und treten vor ihre Eltern, die zweiäugige Jury - meine Augen. Sie wollen nicht zu einer sinnlosen Datei im tiefen Abgrundschaos eines MacProBooks werden. Sie wollen Bilder sein. Ist das zu viel verlangt? Sie wollen zu den privilegierten Bildern gehören, die ich - Narzisstin von Geburt an und aus Leidenschaft - meinen 294 besten Facebook-Freunden aufzwinge. Oder sie wollen gar einen Platz auf meiner Homepage ergattern. Sie wollen Lieder singen, Melodien und Refrains trällern. Aber sie werden Opfer eines brutalen Selektionsverfahrens. Sie werden Opfer der Mehrklassenbildergesellschaft und werden gnadenlos aussortiert, als gäbe es einen Bilderrassismus unter den farbigen Bildern und auch unter den schwarz-weissen Bildern.
Kliklack, kliklack und wieder werden neue Liederbilder geboren. "Es gibt schon zu viele von uns!" Schreien die Liederkinderbilder ihre Augeneltern an. "Ihr könnt doch nicht noch mehr von uns gebären. Ihr werdet uns schon jetzt nicht gerecht!" Dann hören die Nikon und die Lumix für eine Weile auf zu klicken und pläggen, für ein paar Stunden, manchmal sogar für ein paar Tage. Dann ist es still. Keine Lieder mehr, keine Ohrwurmrefrains, Augenwurmrefrains mehr, und ich werde traurig.
Plötzlich fängt ein blau-weisser Kugelschreiber an zu kritzeln. Er macht chchchtchtchtchchchchcht chtcht. und es entstehen Worte. Worte werden Sätze, Sätze werden wieder Bilder, Wortbilderlieder. Dann stimmt die Nikon wieder mit ein und die Lumix. Sie singen im Chor von Wolken, von Toiletten, von Bahnhöfen und Kabelsalaten, von Wänden, von Schnee, von Fussballtoren und wieder von Wolken. Sie nehmen sich wichtig, zu wichtig vielleicht. Aber sie machen mich glücklich.
Und sie lachen und sagen "Du bist gar keine Fotografin. Du bist eine verlorene Bilderfesthalterin, Bildersucherin, Bildersammlerin."
Ich will aber lieber eine Bildersängerin sein.
Kliklack, kliklack, pssstpssspssst. "Gigu!"


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Sonntag, 7. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

...und immer wieder dieses Rot



* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Der Sternenblues

Sie hört die Wellen rauschen. Rhythmisch plätschern sie unaufhaltsam gegen die Steine. Die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, scheint das Wasser schon fast spöttisch zu flüstern. Ich weiss, ich weiss, ich weiss, denkt sie. "Wieso sagt ihr mir das immer wieder? Wollt ihr mir mit eurem Wellenfluss den Boden unter den Füssen wegziehen?" fragt sie und richtet ihr Gesicht gegen den Himmel. Die leuchtenden, kleinen Punkte tanzen am schwarzen Himmelmeer. Sie tanzen, werden grösser und kleiner, sie zerplatzen und sprühen Sternschnuppen in alle Richtungen. Trotz dem wilden Tanz erkennt sie den Orion. Viel mehr Sternbilder kann sie ohnehin nicht benennen, aber den Orion, den würde sie immer erkennen. Die drei Sterne seines Gürtels sind unverkennbar. Wie oft sie den wohl schon betrachtet hat, den Orion? Wenn die Sternpunkte nicht gerade den Blues tanzen, sehen die Bilder am Himmel immer gleich aus, Nacht für Nacht und lassen vergessen, dass die Zeit vergeht, vergeht, vergeht, wie es die Wellen zu flüstern pflegen. Die Sterne sind ihr Anker - wenn auch der Anker der Sehnsucht, der Anker der Melancholie. Sie hat schon früher oft auf dem Balkon gestanden und den Nachthimmel angefleht, ihr Flügel zu verleihen, damit sie im Sternenmeer schwimmen kann wie ein Fisch, wie ein Vogel – ein Weder-Fisch-noch-Vogel, wahrscheinlich. Sie wollte sogar einmal Astronautin werden und auf den Mond fliegen - die erste Frau auf dem Mond, die den Mann im Mond besucht. Da es ihr aber auf dem Karussell schon nach der ersten Umdrehung übel geworden ist, hat sie diesen Plan irgendwann verworfen. Dennoch hat sie die Sterne immer wieder betrachtet und mit ihnen über den Sinn und Unsinn des Lebens diskutiert – vielleicht müsste man der Genauigkeithalber sagen: einen Monolog geführt, denn die Sterne haben sie kaum zu Wort kommen lassen. Sie haben auf sie eingeredet mit ihren lieblichen Sternensilberstimmen bis sie fast eingeschlafen wäre. Dann ist sie aufgestanden und hat sich höflich für das Gespräch bedankt. Sie hat sich nie beklagt, dass ihr die Sterne nie zuhören wollen, denn ihre Fragen wurden auch ohne zu fragen beantwortet. Deshalb hat sie sich immer wieder auf die Erzählungen der Sterne eingelassen, sich ins Gras neben die Birke gelegt und einfach in das Glitzern gestarrt, bis ihr davon schwindlig geworden ist und die nackte Haut vom Rasen zu jucken angefangen hat. Manchmal hat sich auch vorgestellt, sie wäre in der Zukunft, sie wäre in einem Raumschiff und würde durch die unendlichen Weiten des Weltalls segeln, auf der Suche nach fremden Galxien. "Beam me up, Scotty!" hat sie oft in die Nacht gerufen. Natürlich wusste sie, dass das Raumschiff Enterprise mit ihrer zweihundertmannstarken Besatzung zu weit weg war, um ihre Rufe zu hören. Die Enterprise war zu weit weg im All, zu weit weg in der Zukunft – oder war sie in der Vergangenheit? – und ausserdem hatte sie ja keinen Communicator.

Die Sterne haben jetzt aufgehört zu tanzen. Wahrscheinlich sind sie müde geworden (oder si si am Blues mittlerwyle e halbe Schritt vorus). Die Geschichten, die die Sterne heute zum Besten geben, sind etwas wirr. Sie kann den Sätzen kaum folgen, und manchmal glaubt sie sogar, sie sprächen in einer ihr fremden Sprache. Sie schaut zurück ins Wasser. Die Wellen melden die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, die Zeit vergeht. Ich weiss, ich weiss, ich weiss, denkt sie und flüstert spöttisch zurück "und es ist gut so, dass die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, die Zeit vergeht." Die Wellen sind zwar stur, aber nicht trotzig, denn obwohl sie erstaunt sind über ihre Antwort – das hat sie nämlich noch nie gesagt – hören sie nicht auf zu fliessen und sagen die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, die Zeit vergeht. Heute sind die Wellen mein Anker, denkt sie. Natürlich ist ihr klar, dass Wasser nicht ein Anker sein kann, aber das ist ihr egal. Sie hat ja früher auch schon gewusst, dass ein Fisch nicht durch das Sternenmeer schwimmen kann und hat es trotzdem immer wieder versucht. Bereut hat sie diese Versuche nie. Sie steht auf bedankt sich höflich bei den Wellen und trotzdem auch bei den Sternen für das Gespräch. Sie fühlt sich zwar immer noch wie ein Weder-Fisch-noch-Vogel ohne Flügel und ohne Kiemen, aber vielleicht sollte sie einfach einmal versuchen durch das Wasser zu fliegen, anstatt durch den Himmel zu schwimmen. Ein Versuch wäre es auf jeden Fall wert, denkt sie und geht.


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Dienstag, 2. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Sweeeeeet

video


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Montag, 1. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Nei, Nei, Nei

In der einen Hand die neuen Bilder und die hundert kleinen Hefte mit der Geschichte zu den Bildern, gut verpackt in einer Plastiktüte, in der anderen Hand die Trainingstasche und einen duftenden Gemüsekuchen. Ich bin hungrig an einer Bäckerei vorbei gegangen. Dem Kuchen konnte ich unmöglich widerstehen - auch wenn ich schon beim betreten des Ladens etwas verwirrt überlegt habe, wie ich den während dem Gehen mit zwei bepackten Händen essen sollte. Ich musste den Kuchen haben, so einen warmen, duftenden Gemüsekuchen mit Lauch, Broccoli und Käse. Nun gehe ich also mit knurrendem Magen Richtung Bahnhof, in der einen Hand die Arbeit, in der anderen Hand die Trainingstasche und eben den blöden Kuchen. Nur noch fünf Minuten bis zum Bahnhof, denke ich und mein Bauch faucht zurück. Noch fünf Minuten, dann kann ich abbeissen, versuche ich meinen Magen zu beruhigen, aber das Knurren, das zurückkommt, klingt ziemlich wütend und auffordernd. Ich weiss, ich muss ihn ignorieren und mich meinen Gedanken widmen. Mit Worten ist der Magen nicht mehr zu besänftigen. Die Abstimmungen sind vorbei und es bleibt beim Alten. Mir säge immer nume nei, nei, nei, nei. I gloube, dass es angers grad gar nid geit. Mit Fortschritt hei mirs öpe angers gmeint (Zitat: Männer am Meer, 2x Nei) Die Hälfte der Kiffer hat vergessen abzustimmen. Sie haben vergessen, dass das Abstimmungswochenende schon gestern war. Ou shit, isch das jtz scho düre...? Mhm, und die Initiative wurde abgelehnt. Die Kiffer haben vergessen abzustimmen. Sie haben vergessen, dass es in der gestrigen Abstimmung ums Kiffen ging un das das eventuell noch wesentlich sein könnte. Oder war es ihnen egal? Isch mir doch öpe glich, öb ds Kiffe legal oder illegal isch. I kiffe ja so oder so. Ja dann... Oder wir machen es einfach so wie die Polizei gesagt hat, als sie einen 3o jährigen Freund wegen einem Joint mit Handschellen abgeführt haben: Jtz suuffisch eifach eine, zwe meh, anstatt z kiffe! Mhm, das ist jetzt einmal eine progressive Idee. Die Polizei hat die Einnahmen von Bussen auf Ende Jahr doch noch ein bisschen erhöhen können, wir trinken einfach zwei, drei Biere mehr und wenn wir dann auf die offene Strasse kotzen, können sie gleich noch einmal eine Busse einziehen, wahrscheinlich einfach ohne Handschellen. Hauptsache die Droge ist legal. Dann unterbricht wieder das Knurren meines Magens meine Gedanken. Er muss sich immer wieder einmischen. Ich gehe schnurgerade durch das Gedränge in der Stadt und blicke auf den Boden. Ich sehe Menschenbeine, ausweichende Menschenbeine und denke an meine ersten Versuche, mich durch den Bahnhof Zürich zu kämpfen. Ich bin aus dem Zug gestiegen und wollte zur Schule während der Zürcher Rushhour. Menschenkörper spülten auf mich zu, überschwemmten mich. Der überwältigende Menschenfluss aus Menschenkörper drängte mich in die Richtung zurück, aus der ich gekommen war - zurück nach Zürich West (Altstetten, wo ich gewohnt habe, ist in Zürich West, Anm.d.Red). Ich versuchte auszuweichen, weil ich in die Gegenrichtung schwimmen wollte. Das war kein respektvolles Ausweichen, wie man das vor älteren Menschen tut. Ich wich Menschen jeden Alters aus und mein Ausweichen glich mehr einer Flucht, gleich einem Reh, das dem gefährlich glänzenden Lauf des Gewehrs zu entrinnen versucht. Manchmal bin ich extra nicht ausgewichen - wenn ich in wütender Stimmung war. Das hat aber jedes Mal in einem Desaster geendet: Ein Zusammenstoss, Flüche aus zwei Richtungen (aus Zürich Ost und West) und ich war danach noch wütender als zuvor. Immer musste ich schlängeln. Nie konnte ich den schnellsten, den geraden Weg durch die Masse nehmen. Ich war zu einem Ausweicher geworden. Ein Ausweicher, der weicht vor Gross, Klein, Alt und Jung. Irgendwann - vielleicht nach einem Jahr in der vermeintlichen Hauptstadt der Schweiz - habe ich angefangen diese schier unerträgliche Situation zu analysieren und dabei ist mir aufgefallen, dass die Menschen, die den geraden Weg wählen und durchziehen können, die schauen irgendwo hin, aber nie in die Augen - überhaupt nie in die Augenhöhe - der fliessenden Masse. Ich habe das ausprobiert. Ich habe in den Himmel geguckt, wie der Hans (Hans guck in die Luft, Anm.d.Red). Ich habe nach links geschaut, wenn die Leute von rechts auf mich zuströmten. Ich habe nach rechts geschaut, wenn die Leute von links kamen. Ich habe auf den Boden geschaut und ich sah die Menschenbeine, wie sie wichen. Ich habe auch probiert auf Augenhöhe ins Leere zu schauen. Ich habe den Blick auf Unscharf gestellt, wie wenn ich die verstecken Bilder in das magische Auge finden wollen würde. Auch das hat funktioniert - meistens. Die Menschen haben wahrscheinlich realisiert, dass ich sie nicht wahrgenommen habe, dass ich sie ignoriert habe - wie ich meinen Magen ignoriere. Sie wichen mir aus. Zusammenstösse erlitt ich nur noch selten und nur mit Neulingen im Bahnhof, der nur Rushhours kennt. Die Flüche nach dem Aufprall waren selten Züridütsch, sondern klangen meist nach Berndeutsch (du blöde Gigu - du blöder Penis), Welsch (casse-toi - verzieh dich), Bündnerdeutsch (abfahra - hau ab) oder Deutsch (fick dich ins Knie - schlaf mit deinem Knie), Baslerdeutsch (du blöde Sagg - du blöder Sack) und so weiter und so fort. Ich setze mich auf die Bank auf Perron 2, stelle die Taschen auf den Boden und reisse das Papier vom Gemüsekuchen und will endlich beissen. Das ist ja gar kein Gemüsekuchen. Das ist ein Käse-Speckkuchen. Ich entferne den Speck Stück für Stück (Ich bin Vegetarier). Als ich in den mittlerweile lauen Kuchen beisse, stelle ich mir vor, es wäre der duftend heisse Gemüsekuchen aus meinen Gedanken und denke, mit Ignoranz kommt man weit. Man kann damit Hunger unterdrücken, ein speckloser Speckkuchen in einen Gemüsekuchen verwandeln, Menschen zum Ausweichen zwingen und immer zu allem NEI sagen.


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten