Sonntag, 21. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Der Geschichtensammler

Er hat schwarze Haare, die bis über seine Schultern reichen, schwarze Rastas - wahrscheinlich hat es auch schon ein paar graue darunter. Seine Haut ist kaffeebraun, die Nase hat die Form eines Pfelilbogens. Er steht alleine an die Wand gelehnt im Café Mokka. Er steht da, alleine seit ich das erste Mal das Mokka betreten habe. Er trägt ein schwarzes Hemd, immer. Sein Alter ist schwer einzuschätzen. Vielleicht ist er 40, vielleicht 50, vielleicht auch älter (oder jünger?)... Aber egal wie alt er ist, so alt war er immer.
Ich betrete das Mokka. Er ist da. Er steht da. Er schaut. Er lacht. Er lächelt. Manchmal bewegen sich seine Lippen. Worte hört man keine. Es ist zu laut. Er raucht. Er beobachtet. Er trinkt etwas und schaut dem Treiben zu. Wie er wohl seine Beobachtungsopfer auswählt? Wenn sie lachen, lacht er mit, für sich alleine. Wenn sie sich streiten, schaut er traurig zu. Ich habe ihn noch nie mit jemandem reden sehen. Ich habe ihn noch nie an einem anderen Ort angetroffen, als in seinen zwei Plätzen im Mokka, Plätze, von denen man zum Eingang sieht. Unscheinbar, als wäre er nicht vorhanden, saugt er die Umgebung in sich auf und verwandelt das Erlebte im Innern in seine eigenen Geschichten. All die Momente der Mokka-Besucher werden zu seinen Momenten, werden zu seiner Geschichte.
Am Samstag war ich alleine im Mokka. Das habe ich früher oft gemacht. Ich bin einfach alleine losgezogen und bin ins Mokka gegangen. Irgendjemanden habe ich da immer getroffen. Am Samstag habe ich das auch wieder einmal gemacht. Ich habe aber niemanden gekannt, niemanden erkannt - ausser ihn. Ich habe ihn gegrüsst. Warum habe ich ihn vorher nie gegrüsst, den Beobachter, den Geschichtensammler in der Ecke? Er hat zurück gegrüsst und gelächelt. Er hat mich erkannt. Er kennt wahrscheinlich alle, die im Mokka ein- und ausgehen. Er kennt die Gesichter. Er kennt viele Geschichten. Er erzählt sie nie, nur sich selber. Er beobachtet, als wäre er Big Brother.
Ich habe mich an die weisse Wand gelehnt - die weisse Wand, die ich am Abend oder am nächsten Tag von der Kleidung wasche, aus dem Halstuch klopfe. Ich habe etwas zu Trinken bestellt und zugeschaut. Ich habe ihm zugeschaut, wie er anderen zuschaut, und ich bin seinem Blick gefolgt: Ein Pärchen, vielleicht 18. Sie war klein. Ihr blondes Haar hatte sie zu einer komplizierten Frisur gesteckt. Sie trug ein rotes Träger-Shirt und Bluejeans. Er war fast einen Kopf grösser als sie. Sein weites T-Shirt hing unförmig über seine Baggyjeans, versteckte aber nicht seine muskulösen Oberarme. Beide hatten ein Bier in der Hand, sie ein Vollmond, er ein grosses Boxer. Sie haben zusammen getanzt, sich verliebt angeschaut und gelacht. Er hat sie im Kreis herum gewirbelt. Die sind bestimmt noch nicht so lange zusammen, so verliebt, wie die einander angucken, habe ich gedacht. Ob sie noch zur Schule gehen? Wahrscheinlich haben sie sich auf dem Gymnasium oder in der Berufsschule kennen gelernt. Sie könnte Friseuse sein, der aufwändigen und perfekten Steckfrisur nach zu urteilen, und er ist wahrscheinlich Schreiner oder Maurer. Auf jeden Fall wird er einen handwerklichen Beruf ausüben, so kräftig wie er gebaut ist. Oder er arbeitet im Büro und treibt sonst viel Sport, aber dann würde er wahrscheinlich nicht so viel Bier trinken. Sie tanzten, sie torkelten ein bisschen. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie schaute auf die Flasche in ihrer Hand, setzte sie an, nahm einen kräftigen Schluck und streckte ihm die leere Flasche hin. Er nahm sie, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und verschwand um die Ecke. Einen Kuss auf die Stirn! Das ist süss, habe ich gedacht und bin ein bisschen erschrocken, wie schnell ich in eine fremde Geschichte eingetaucht bin. Ich habe mich zum Geschichtensammler gedreht. Er stand immer noch da, schaute zum blonden Mädchen und lächelte zufrieden vor sich hin. Dann wanderten seine Augen wieder durch die Menge, wahrscheinlich auf der Suche nach einer neuen Geschichte. Dabei kreuzten sich unsere Blicke erneut.
Wer er wohl ist? Wo er wohl herkommt? Was er arbeitet? Vielleicht kommt er aus Tunesien. Er ist vor vielen Jahren in die Schweiz gekommen, aber weil er so schüchtern ist, hat er fast niemanden kennen gelernt und somit auch die Deutsche Sprache nie wirklich gelernt. Aber er ist ohnehin nicht hierher gekommen, weil er Menschen kennen lernen wollte. Ausserdem mag er den Klang einer unverständlichen Sprache, und er mag beobachten und dazu seine eigene Geschichte erfinden. Er ist Dichter oder Schriftsteller. Er geht ins Mokka und lässt sich von den Menschen und ihrem Treiben inspirieren. Er sammelt ihre Geschichten und schreibt zu Hause Bücher auf Französisch oder Arabisch. In seinem Heimatland Tunesien ist er berühmt. Alle verschlingen seine Geschichten und warten schon nach dem Erscheinen seines neusten Werkes wieder auf das nächste. Seine Bücher heissen Zwischen Vollmond und Sonnenaufgang (mit Vollmond meint er natürlich das Bier, aber es ist auch ein wunderbares Wortspiel, findet er) und Boxer (damit meint er das andere Bier und spielt damit auf den Faust von Johann Wolfgang Goethe an. Er scheint Wortspiele zu mögen! Seinerzeit, als er sich entschieden hat, Tunesien zu verlassen, hat er sich auch nicht zuletzt wegen seiner Liebe für Wortspiele für Thun entschieden. Der Klang des Namens hat ihn an die Hauptstadt seines Heimatlandes erinnert, was er lustig fand. Ursprünglich wollte er nämlich nach Zürich gehen - die einzige Stadt, die er in der Schweiz gekannt hat... Er hatte schon gepackt und war auf Wohnungssuche, dann hörte er von einer Stadt, namens Thun. Heute ist er aber froh, hier gelandet zu sein. Er war einmal in Zürich - viel zu gross, viel zu laut, und er hatte irgendwie immer das Gefühl, dass Züri brännt... Warum, weiss er selber nicht...). Er lebt in einer bescheidenen Wohnung. Sie hat nur zwei Zimmer. In einem Zimmer steht ein Bett und an Stelle eines Nachttischchens hat er einige Bücher aufeinander gestapelt. Darauf steht ein dreiarmiger, mit verschiedenfarbigem Wachs übertropfter Kerzenständer, ein Geschenk seiner grossen Liebe - das Einzige, was er aus seinem Heimatland mit nach Thun genommen hat. Drei rote Kerzen stehen darin und daneben liegt eine Zündholzschachtel mit einem Bild der Luzerner Kappelbrücke, ein Zettel und ein Kugelschreiber mit der Aufschrift Swisscom. Im anderen Zimmer stehen ein Tisch und ein Stuhl. Auf dem Stuhl liegen ein hellblaues, abgewetztes Kissen und auf dem Tisch steht eine kleine Lampe, viele weisse und auch beschriebene Blätter, Kugelschreiber und Bücher. Also eigentlich ist nicht nur der Tisch voller Bücher und Blätter, das ganze Zimmer ist überstellt davon. Ich glaube, nicht einmal der Geschichtensammler selber weiss, ob unter den Büchern und Papieren Parkett- oder Teppichboden versteckt ist. Und auch die Wand ist voll gehängt mit Papierstücken voller Kritzeleien und Notizen auf Französisch, Arabisch und einige Worte auf Deutsch - wahrscheinlich seine Ideen. Er hat keinen Fernseher, keinen Computer. In der kleinen Küche steht ein schwarzer Radio mit einer langen Antenne auf dem Kühlschrank, und neben der Eingangstür hängt ein schwarzes Telefon auf einer silbernen Gabel - die einzigen technischen Apparate, die er besitzt. Er ist ein Nostalgiker, deshalb auch das alte Telefon, mit dem er manchmal seine Familie anruft oder mit dem Verlag in Tunis telefoniert.
Wenn er gegen Morgen von seinen Sammeltouren aus dem Mokka nach Hause kommt, trinkt er einen Kaffee, den er sich auf dem Heimweg am Bahnhofbuffet holt, und legt sich dann für einige Stunden aufs Ohr. Er schläft aber nie sehr lange. Er will schreiben. Er kann am besten am Morgen schreiben und seine Wohnung ist ohnehin ziemlich lärmig am Vormittag, weil sich unter ihr eine Bäckerei befindet, die sieben Tage die Woche geöffnet hat. Manchmal verlässt er tagelang seine Wohnung nicht. Er schreibt und schreibt und schreibt. Er vergisst dabei sogar zu essen. Zum Glück hat er eine aufmerksame Nachbarin. Eine alte Dame, der er einmal zwei Koffer in den zweiten Stock geschleppt hat, als er sie im Eingang angetroffen hat. Seit dem mag sie den Geschichtensammler, ausserdem ist er ruhig. Sie hört nie ein Geräusch aus der Wohnung unter ihr, ausser manchmal das Plätschern des Wassers, wenn er duscht. Wenn sie ihn länger nicht mehr antrifft, geht sie manchmal klingeln und bringt ihm einen Berliner oder einen Nussgipfel aus der Bäckerei mit. Er dankt es ihr mit einem freundlichen Lächeln und revanchiert sich dann seinerseits wieder mit Taschen schleppen, wenn er die Dame nach einem Einkauf im Treppenhaus antrifft. Eine wortlose Freundschaft ist mittlerweile zwischen den beiden entstanden.
Im Moment lebt er wieder einmal sehr zurückgezogen. Es ist Weihnachtszeit, und das Mokka ist bis am 26. Dezember geschlossen. Er hat sich mit einigen Packungen Reis und gefrorenem Hammelfleisch eingedeckt. Ausserdem hat ihm die nette alte Dame selbstgemachtes Weihnachtsgebäck vor die Türe gestellt. Er nutzt die Zeit, um an seiner neusten Idee zu schreiben, einem Roman über ein junges Paar, das sich im Mokka (wie könnte es anders sein...) kennen gelernt hat, als sich zwei ihrer Freunde wegen einer Bagatelle blutig geschlagen haben. Eine absurde Geschichte über Gewalt, die eine junge Liebe entflammen lässt. Einen Titel hat er noch keinen. Die Titel findet er normalerweise in seinen Träumen, aber erst wenn er ein Werk zu Ende geschrieben hat. Er träumt etwas, woran er sich später nicht mehr erinnern kann und wacht dann auf, mit einem Satz oder einem Wort im Kopf. Diese schreibt er noch im Halbschlaf auf den Zettel auf seinem Nachttisch aus Büchern und fällt dann einen traumlosen Schlaf, der dann ohne Weiteres bis nach dem Mittag dauern kann. Wenn er also aufschreckt und erstaunt feststellt, dass es schon Nachmittag ist, blickt er sogleich auf den Büchernachttisch neben dem Bett und findet da den Titel seines neusten Buches in seiner Handschrift - und erstaunlicherweise immer auf Deutsch - auf dem Zettel geschrieben.
Er geht nur noch selten nach Tunesien (ab und zu besucht er seine Familie in einem abgelegenen Dorf an der Grenze zur Sahara), nicht des Geldes wegen - davon hätte er genug, weil er ja ein erfolgreicher Geschichtenschreiber ist - aber er mag es nicht, erkannt zu werden. Er will keinen Ruhm, und den Rummel um seine Person mag er auch nicht sonderlich. Er mag es einfach, Geschichten zu erzählen, und er mag die Einsamkeit. Deshalb bleibt er in Thun, wo ihn niemand kennt, und sammelt weiter Geschichten.
Dass mein Glas leer war, bemerkte ich erst, als ein Eiswürfel gegen meine Zähne klatschte. Ich schaute mich um: Immer noch niemand da, den ich kannte - ausser dem jungen Pärchen und dem Geschichtensammler. Das Pärchen war wieder am tanzen, sie mit einem halbvollen Vollmond in der linken Hand und er mit einem Boxer. Der Geschichtensammler stand in seiner Ecke an die Wand gelehnt, eine Zigarette in der Hand und ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht. Ich habe meine Jacke genommen, habe versucht so gut es ging, die weisse Farbe aus dem Stoff zu klopfen. Im Gehen habe ich ihm zugenickt. Ich weiss nicht, ob er mich noch bemerkt hat, wahrscheinlich war er zu sehr vertieft ins Sammeln von Geschichten für seinen neusten Roman.


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Liebe Ente

Die gelbe Badeente schaut mich vorwurfsvoll an. Jede Woche, wenn ich das Badezimmer putze, schaut sie vorwurfsvoller (was für ein wunderschönes Wort - vorwurfsvoller - fast so schön wie neue Schuhe!). Also die Ente, sie schaut jede Woche vorwurfsvoller. Ich habe ihr schon vor Monaten versprochen, ihren Bruder (oder ist es die Schwester?) bei meinen Eltern auf dem Estrich zu suchen. Normalerweise versuche ich meine Versprechen zu halten. Aus einem mir selber unerklärlichen Grund fällt es mir aber schwer, schon wieder auf den Estrich zu gehen um zu suchen, nach der anderen gelben Ente zu suchen. Es ist nicht der Estrich, der mich davon abhält. Ich mag den Estrich. Er ist voller kleiner Gegenstände, kleine Erinnerungsgegenstände. Es ist also nicht der Estrich. Es ist das Suchen. Ich suche in letzter Zeit wieder ziemlich oft. Das habe ich ja kürzlich schon erwähnt. Ich suche nach Gegenständen (eine verlorene schwarze Instantkamera mit silbernem Schriftzug, den zweiten Ohrring, ein Geschenk für meine Grossmutter zu Weihnachten, ab und zu den Hausschlüssel) Ich suche nach Erklärungen und manchmal nach Ausreden. Ich suche nach Worten und oft nach Entscheidungen. Jetzt kann natürlich jemand ganz weise behaupten, das ganze Leben sei eine Suche. Aber manchmal habe ich das Suchen einfach satt. Egal, ob das Leben aus Suchen besteht: Wie wäre es zur Abwechslung mit Finden? Natürlich, ich finde jeden Tag etwas. Ich finde eine Beschäftigung. Ich finde Staub in meiner Wohnung (der sammelt sich meist unter dem roten Sofa im Eingangsgang. Eingangsgang? Ein Eingang ist ja schon ein Gang, aber es gibt Eingangshallen und mein Eingang ist ein schmaler Gang, ein schmaler Gang im Eingang, also ein Eingangsgang). Ich finde Worte, die ich nicht gesucht habe, aber auch nicht finden wollte (eigene und fremde). Ich finde Ausreden (natürlich nicht meine, sondern fremde. Die eigenen suche ich ja...) und ich finde verfaulte Orangen in meinem Kühlschrank (das ich diese nicht finden will, müsste jedem klar sein). Aber ich finde kein Geld und ich finde vor allem keine Entscheidungen. Alles, was ich suche, finde ich nicht und was ich finde, suchte ich nicht. Ich heisse aber nicht Hans und wohne auch nicht im Schneckenloch - oder doch...? Ich weiss gar nicht, was ein Schneckenloch ist... Google sucht und Google findet auch... Google findet Wikipedia: Die Schneckenlochhöhle, auch Schneckenloch, ist eine große Karsthöhle bei Schönenbach im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Ob das die besagte Hans-Höhle ist? Aber Hans heisse ich nicht. Ich hätte Roland geheissen, wäre ich mit Penis zur Welt gekommen. Roland... Zum Glück - für einmal - habe ich keinen Penis. Ich mag den Namen Roland nicht. Ich entschuldige mich bei allen Rolands, Roländer, Rolanden, aber Roland klingt in meinen Ohren nach Rollmops, wie jtz tüet dir da di Rölleli dra u löts eifach la loufe. Eifach la fahre... u när Znüni nä....
Wenn ich die gelbe Ente suchen würde, hätte ich wahrscheinlich Erfolg, weil ich sie mit grosser Sicherheit finden würde. Ich würde finden, was ich suche. Wahrscheinlich suche ich nicht, weil ich gar nicht finden will oder ich finde nicht, weil ich nicht suche. Ich glaube nur zu suchen und singe in Wirklichkeit nur immer wider das Lied vom Hans....
Liebe Ente, ich werde meine Eltern noch einmal fragen, ob ich nicht vielleicht doch Hans geheissen hätte, wäre ich ein Junge geworden, und wenn ich dann schon bei meinen Eltern bin, um nach einer Antwort auf meine Frage zu suchen, kann ich auch gleich die andere Ente, dein Geschwisterchen suchen - und wahrscheinlich auch finden. Und wenn nicht, also, wenn meine Eltern sagen, ich hätte Roland geheissen, dann googel ich mal, was das weibliche Pendant zu Hans ist (und Google findet fast immer, was ich suche). Vielleicht, vielleicht ist es ja Regine... und wenn auch dem nicht so ist... die Ente werde ich finden, irgendwann, wenn ich endlich anfange zu suchen! Lieber Gruss vom Hans oder so.


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Samstag, 13. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Haselnuss-Wiederholung

Ich bin um 9 aufgestanden. Eigentlich habe ich den Wecker - besser gesagt den Handywecker - auf 8 gestellt, aber ich bin vom "Fünfminüteler", zum "Zehnminüteler", zum "Halbstündeler" und an Wochenenden zum "Stündeler" (...?) geworden. Nach einer Stunde stehe ich aber dann wirklich auf, egal, ob ich Lust habe oder nicht, egal, ob ich Kopfschmerzen habe oder nicht. Ich stehe auf. Ich habe die graue Trainingshose angezogen, die schwarze Mütze mit Seitenklappen über den Ohren, endend in zwei Wollzöpfen in der Höhe der Brust, aufgesetzt, damit man meine zerknautschte Frisur nicht sehen kann (blöd sieht's zwar trotzdem aus, aber egal...), weil ich die Wäsche in den Keller bringen wollte und eventuell auf einen Bewohner dieses Hauses treffen könnte. Ich habe mir nicht einmal die Zähne geputzt. Ich habe einen Kaffee gemacht, einen Kaffee mit zwei Zuckern. Ich habe den Laptop eingeschaltet und irgendwas gesucht. Ich weiss nicht mehr was. Das ist auch nicht so wichtig, weil es nur eine Angewohnheit ist, eine Angewohnheit, eine Wiederholung, wie man jeden Morgen im Bus an denselben Platz sitzt. Eine Angewohnheit ohne Sinn und Zweck. Computer an, Kaffeetasse neben den Bildschirm stellen und suchen, lesen, schauen, schreiben bis der Kaffee kalt ist. Dann einen Schluck und der kalte, süssbittere Kaffe ist weg. Ich bin kein Geniesser. War ich noch nie.
Die Sonne hat in meine Stube geschienen und ich bin auf den Balkon gegangen, mit einem weiteren gezuckerten Kaffee in der Hand und habe in den Schnee geschaut, der durch die grelle Sonne in meine geschwollenen Augen geblendet hat. Zwei Kurzgeschichten aus Sofareisen vom stillen Has. Ich habe die Sofareisen schon einmal gelesen, aber das ist eine weitere Angewohnheit von mir, Bücher - wenn ich sie denn gut gefunden habe - zweimal zu lesen. Kurzes Blättern in der Zeitung, die ich mir beim Gang in die Waschküche aus dem Briefkasten geholt habe, ein grosser Schluck bittersüssen Kaffee. Er war schon wieder kalt. Aber ich bin ja kein Geniesser.
Dann habe ich mich kurz auf das Sofa gelegt, das mausgraue Riesensofa. Ich liebe dieses Sofa. Es gehört leider meiner Schwester. Wenn wir irgendwann nicht mehr zusammenwohnen werden, muss ich mich von ihm trennen, habe ich gedacht und habe die Augen geschlossen, um mich meinen pulsierend blitzenden Kopfschmerzen hinzugegeben. Ich habe über den doofen Artikel in der Zeitung nachgedacht und mich ein bisschen geärgert. Dann habe ich entschlossen, doch die Augen zu öffnen, nur ein bisschen, und durch die Wimpern auf ein verschwommenes Bild meiner Wohnstube geschaut. Ich sah viel Weiss, links einen grünen Klecks, der die Zimmerpflanze darstellen soll, einen anthrazitfarbenen, rechteckigen Fernsehbildschirm, das rosa Hello-Kitty-Telefon und die überwiegend blaue Weltkarte. Schön, habe ich gedacht. Schön leer. Weiss und Leere lässt Platz für Interpretation, hat auch die Frau im doofen Zeitungsartikel gesagt. Besser, ich widme mich anderen Gedanken, habe ich entschieden, und mich gefragt, was ich wohl über mich denken würde, wenn ich zurück in die Vergangenheit gehen könnte, wieder fünf wäre und mich als 28jährige betrachten könnte. Meine kurzen Strubelhaare, die ich heute so liebe, hätte ich bestimmt gehasst, damals. Ich wäre wahrscheinlich erschrocken und hätte vielleicht sogar geweint, bei der Vorstellung, dass ich einmal so aussehen würde... Meine Wohnung, ich glaube, die hätte ich schon mit fünf gemocht. Die ist voller Gegensätze, und Gegensätze haben mich schon immer angesprochen. Meine Arbeit. Meine Arbeit... Was ist überhaupt meine Arbeit? Putzfrau, Fotografin, Künstlerin oder Dozentin? Dozentin klingt cool, irgendwie. Es klingt erfolgreich. Ich müsste mir gegenüber ja nicht erwähnen, dass ich nur zweimal die Woche und nur ein Semester pro Jahr unterrichte... Aber Dozentin klingt auch nach Wollkleidern, was ich gehasst habe, und es klingt nach einer strengen, kurzhaarigen, frustrierten alten Jungfer... Dann vielleicht doch lieber Künstlerin... Dass klingt gut, aber schon eine Fünfjährige weiss, dass Künstler komisch sind und selten Geld haben. Ich habe mir keine konkreten Gedanken gemacht, was ich einmal werden will, mit fünf. Einmal wollte ich Ärztin werden, dann Friseuse, Astronautin, Kindergärtnerin, Grossmutter... So steht es in den Poesiealben und in den Tagebüchern, die ich kürzlich ausgegraben habe. Ich wollte, dass ich einmal glücklich bin. Wer will das nicht? Ich bin meinem Herz gefolgt, glaube ich. Und da stehe ich heute - oder besser gesagt, da liege ich heute, auf dem mausgrauen Sofa... Ich habe mich dann doch entschieden, die Augen ganz zu öffnen und bin aufgestanden. Ich bin ins Bad gegangen, habe mir die Zähne geputzt. Was könnte ich heute anstellen? Samstag. An Samstagen muss ich nie etwas. Das habe ich mir so eingerichtet, eingeredet. Ich könnte lesen. Ich könnte knipsen. Ich könnte joggen. Ich könnte putzen. Putzen klingt aber nach Müssen und Sport irgendwie auch, Knipsen sowieso. Das ist ja mein Beruf, einer meiner Berufe... Am Abend ist die Vernissage. Ich mag keine Vernissagen - um nicht zu sagen, ich hasse sie. Was ich wohl anziehen soll, habe ich mich gefragt. Mein Outfit stand schon fest im November, als ich erfahren habe, dass ich ausstellen kann. Zuerst die Freude, dann die Kleidung. Ich habe mir damals neue Schuhe gekauft, im November - schwarze Stöckelschuhe, wunderbare Schuhe! Schuhe, die richtig glücklich machen! Mit dem Entscheid für die Schuhe habe ich dann vor meinem inneren Auge die dazu passende Hose und das Oberteil gesehen. Aber es hat Schnee heute. Ich bin Künstlerin, Fotografin, Dozentin, Putzfrau, was dazu geführt hat, dass ich kein Auto besitze. Ich muss zu Fuss gehen. Mit 10cm hohen Stöckelschuhen kann ich nicht zu Fuss zur Vernissage gehen, zu mindest nicht bei Schnee und ich habe keine Lust mein Schuhwerk vor dem Kunstmuseum auszuwechseln. Also muss ein neues Outfit gefunden werden. Zuerst Schuhe auswählen, dann weitersehen mit dem inneren Auge. Aber die Wahl für den passenden Schuh... Das braucht Zeit. Und es braucht Lust am Umziehen, einmal, zweimal, dreimal und das Ganze wieder von vorne. In der Wohnung über mir habe ich stampfende Schritte gehört, dann das Surren eines Staubsaugers. Ich mag dieses Geräusch nicht, besonders wenn ich Kopfweh habe, macht mich das irgendwie aggressiv. Vielleicht sollte ich einen Spaziergang machen durch die verschneiten eismatschigen Strassen, habe ich überlegt. Das macht den Kopf frei für den Schuhentscheid und ich könnte vom Staubsaugerlärm flüchten.
In den felligen Winterstiefel stapfe ich nun abwechslungsweise durch Matsch und rutsche über Eisflächen. Ich mag die Geräusche, die die Schuhe auf den verschiedenen Unterlagen erzeugen und ich mag das Spritzen des dreckigen Matschs. Als kleines Mädchen bin ich von Pfütze zu Pfütze gesprungen und habe mich an den Tönen und am Spritzen erfreut, immer wieder und wieder. Wiederholungen, erfreuen. Warum mag ich eigentlich Vernissagen nicht, und warum mache ich mir dann doch immer so viele Gedanken, was ich anziehen soll? Ich mag nicht, dass man lächeln muss. Wenn ich aber dann da bin, dann lächelt es mir von selber. Trotzdem übe ich das Lächeln manchmal vor dem Spiegel, verziehe die Mundwinkel zu einer Grimasse. Ein Lächeln vor dem Spiegel gelingt mir nicht. Ich strecke mir die Zunge heraus, jedes Mal. Wiederholungen... und wenn ich dann da bin lächelt es mir von selber, weil ich mich freue. Vielleicht ist es einfach "cool", sich nicht zu freuen, zu denken "Scheissvernissagen", vielleicht... Die Stasse biegt in die Allee ein. Ein rotes Auto spitzt Matsch auf alle Seiten, fffrrrrmmmmffffffff. Dann die Aare. Di schöni grüeni Aare. Ich überquere die Hängebrücke. Die eisige Kälte umgibt mein Gesicht. Die Kopfschmerzen sind weg. Die Gedanken fliessen frei. Sie fliessen wie die Aare. Di schöni grü... Die Gummisohlen meiner Stiefel zerdrücken die Eisüberzüge auf den Kieselsteinen. Ein angenehm knackendes Geräusch, wie wenn Haselnüsse geöffnet werden. Haselnüsse. Ich glaube, ich ziehe die haselnussbraunen Wildlederstiefel - es sieht so aus, als wäre es Wildleder. Ist aber in Wirklichkeit irgendwas anderes - mit den Kordeln an der Rückseite an. Die passen gut. Die passen zu heute. Ich gehe nach Hause. Was mache ich heute noch, an einem Samstag? Ich schaue in den Spiegel. Rote Nase. Rote Wangen. Ich verziehe mein Gesicht zu einer Lächel-Grimasse und strecke dann die Zunge heraus. Dann lege ich mich aufs mausgraue Sofa, schaue an die weisse, leere Decke. Die lässt Raum für Interpretation, denke ich und male in Gedanken Bilder auf die weisse Interpretationsdecke. Ich ziehe heute die haselnuss-braunen Stiefel an. Die passen gut. Die passen zu heute. Ich muss lächeln, kein Grimassen-Lächeln diesmal, ein Glücklich-Lächeln. Und da liege ich nun, auf dem mausgrauen Sofa, zufrieden und denke, Wiederholungen sind gut, immer noch, immer wieder...


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Donnerstag, 11. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Ein Augenwurm-Refrain

Kliklack, kliklack macht die Nikon heute wieder. Kliklack. Die Welt ist voller Bilder, die von ihr festgehalten werden wollen. Die Bilder sind wie Lieder - Refrains gibt es viele. Es gibt Kabel-Refrains. Kabel, Kabelsalate werden immer wieder von der Nikon und von der Lumix angezogen. Es gibt Toiletten-Refrains. Kliklack - ein WC aus türkisgrünen "Plättli". Kliklack - ein rosa geblumtes WC. Und es gibt Wolken-Refrains. Farbige Wolken, dichte, graue Nebelwolken, weisse Schäfchenwolken, rosa Kitschwolken für verlorene Romantiker, Regenwolken, Wolken, Wolken, Monsterwolken und Federkissenwolken. Kliklack, immer wieder kliklack. ("Die Kamera macht nicht kliklack" hat Toby gesagt. Ich habe noch einmal hingehört. Meine Nikon macht aber klicklack. Die Lumix macht zuerst pssst dann plägg, wie ein Tropf, der aus dem undichten Wasserhahn platscht. Manchmal macht sie auch pssstpssstpssst. Sie weiss nicht, was scharf werden soll und ich denke "Löu, mach doch mau plägg, süsch isch der Momänt scho verbi, woni wott festhalte!" [Meine Kameras sind alle maskulin, obwohl sie kein "Schnäbi" haben], und wenn sie dann immer noch pssstpssst macht, denke ich "Gigu!", dann macht sie extra nicht mehr plägg und lacht mich aus...)
Die Refrain-Bilder und alle anderen Bilder, die die Melodie dazwischen singen, kommen auf den MacProBookLaptop, verschwinden in verschiedene Ordner unter "Meine Dateien", "Persönliches". Dort verfallen die Liederbilder in einen Winterschlaf, der auch durch den Sommer andauert. Sie werden abgelegt, und sie werden vergessen.
Die Nikon und die Lumix halten Bilder fest, um Bilder festzuhalten, als wollten sie etwas gegen die Vergänglichkeit ausrichten, als wollten sie ein Stück Zeit festhalten. Sie halten sich krampfhaft fest an den vergänglichen Zeitliederbildern, die dann doch im Abgrund eines Computers verschwinden. Und die Bilder beginnen zu streiten. Sie streiten einen Bilderstreit, einen Machtkampf. Sie messen sich und treten vor ihre Eltern, die zweiäugige Jury - meine Augen. Sie wollen nicht zu einer sinnlosen Datei im tiefen Abgrundschaos eines MacProBooks werden. Sie wollen Bilder sein. Ist das zu viel verlangt? Sie wollen zu den privilegierten Bildern gehören, die ich - Narzisstin von Geburt an und aus Leidenschaft - meinen 294 besten Facebook-Freunden aufzwinge. Oder sie wollen gar einen Platz auf meiner Homepage ergattern. Sie wollen Lieder singen, Melodien und Refrains trällern. Aber sie werden Opfer eines brutalen Selektionsverfahrens. Sie werden Opfer der Mehrklassenbildergesellschaft und werden gnadenlos aussortiert, als gäbe es einen Bilderrassismus unter den farbigen Bildern und auch unter den schwarz-weissen Bildern.
Kliklack, kliklack und wieder werden neue Liederbilder geboren. "Es gibt schon zu viele von uns!" Schreien die Liederkinderbilder ihre Augeneltern an. "Ihr könnt doch nicht noch mehr von uns gebären. Ihr werdet uns schon jetzt nicht gerecht!" Dann hören die Nikon und die Lumix für eine Weile auf zu klicken und pläggen, für ein paar Stunden, manchmal sogar für ein paar Tage. Dann ist es still. Keine Lieder mehr, keine Ohrwurmrefrains, Augenwurmrefrains mehr, und ich werde traurig.
Plötzlich fängt ein blau-weisser Kugelschreiber an zu kritzeln. Er macht chchchtchtchtchchchchcht chtcht. und es entstehen Worte. Worte werden Sätze, Sätze werden wieder Bilder, Wortbilderlieder. Dann stimmt die Nikon wieder mit ein und die Lumix. Sie singen im Chor von Wolken, von Toiletten, von Bahnhöfen und Kabelsalaten, von Wänden, von Schnee, von Fussballtoren und wieder von Wolken. Sie nehmen sich wichtig, zu wichtig vielleicht. Aber sie machen mich glücklich.
Und sie lachen und sagen "Du bist gar keine Fotografin. Du bist eine verlorene Bilderfesthalterin, Bildersucherin, Bildersammlerin."
Ich will aber lieber eine Bildersängerin sein.
Kliklack, kliklack, pssstpssspssst. "Gigu!"


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Sonntag, 7. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

...und immer wieder dieses Rot



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Donnerstag, 4. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Der Sternenblues

Sie hört die Wellen rauschen. Rhythmisch plätschern sie unaufhaltsam gegen die Steine. Die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, scheint das Wasser schon fast spöttisch zu flüstern. Ich weiss, ich weiss, ich weiss, denkt sie. "Wieso sagt ihr mir das immer wieder? Wollt ihr mir mit eurem Wellenfluss den Boden unter den Füssen wegziehen?" fragt sie und richtet ihr Gesicht gegen den Himmel. Die leuchtenden, kleinen Punkte tanzen am schwarzen Himmelmeer. Sie tanzen, werden grösser und kleiner, sie zerplatzen und sprühen Sternschnuppen in alle Richtungen. Trotz dem wilden Tanz erkennt sie den Orion. Viel mehr Sternbilder kann sie ohnehin nicht benennen, aber den Orion, den würde sie immer erkennen. Die drei Sterne seines Gürtels sind unverkennbar. Wie oft sie den wohl schon betrachtet hat, den Orion? Wenn die Sternpunkte nicht gerade den Blues tanzen, sehen die Bilder am Himmel immer gleich aus, Nacht für Nacht und lassen vergessen, dass die Zeit vergeht, vergeht, vergeht, wie es die Wellen zu flüstern pflegen. Die Sterne sind ihr Anker - wenn auch der Anker der Sehnsucht, der Anker der Melancholie. Sie hat schon früher oft auf dem Balkon gestanden und den Nachthimmel angefleht, ihr Flügel zu verleihen, damit sie im Sternenmeer schwimmen kann wie ein Fisch, wie ein Vogel – ein Weder-Fisch-noch-Vogel, wahrscheinlich. Sie wollte sogar einmal Astronautin werden und auf den Mond fliegen - die erste Frau auf dem Mond, die den Mann im Mond besucht. Da es ihr aber auf dem Karussell schon nach der ersten Umdrehung übel geworden ist, hat sie diesen Plan irgendwann verworfen. Dennoch hat sie die Sterne immer wieder betrachtet und mit ihnen über den Sinn und Unsinn des Lebens diskutiert – vielleicht müsste man der Genauigkeithalber sagen: einen Monolog geführt, denn die Sterne haben sie kaum zu Wort kommen lassen. Sie haben auf sie eingeredet mit ihren lieblichen Sternensilberstimmen bis sie fast eingeschlafen wäre. Dann ist sie aufgestanden und hat sich höflich für das Gespräch bedankt. Sie hat sich nie beklagt, dass ihr die Sterne nie zuhören wollen, denn ihre Fragen wurden auch ohne zu fragen beantwortet. Deshalb hat sie sich immer wieder auf die Erzählungen der Sterne eingelassen, sich ins Gras neben die Birke gelegt und einfach in das Glitzern gestarrt, bis ihr davon schwindlig geworden ist und die nackte Haut vom Rasen zu jucken angefangen hat. Manchmal hat sich auch vorgestellt, sie wäre in der Zukunft, sie wäre in einem Raumschiff und würde durch die unendlichen Weiten des Weltalls segeln, auf der Suche nach fremden Galxien. "Beam me up, Scotty!" hat sie oft in die Nacht gerufen. Natürlich wusste sie, dass das Raumschiff Enterprise mit ihrer zweihundertmannstarken Besatzung zu weit weg war, um ihre Rufe zu hören. Die Enterprise war zu weit weg im All, zu weit weg in der Zukunft – oder war sie in der Vergangenheit? – und ausserdem hatte sie ja keinen Communicator.

Die Sterne haben jetzt aufgehört zu tanzen. Wahrscheinlich sind sie müde geworden (oder si si am Blues mittlerwyle e halbe Schritt vorus). Die Geschichten, die die Sterne heute zum Besten geben, sind etwas wirr. Sie kann den Sätzen kaum folgen, und manchmal glaubt sie sogar, sie sprächen in einer ihr fremden Sprache. Sie schaut zurück ins Wasser. Die Wellen melden die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, die Zeit vergeht. Ich weiss, ich weiss, ich weiss, denkt sie und flüstert spöttisch zurück "und es ist gut so, dass die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, die Zeit vergeht." Die Wellen sind zwar stur, aber nicht trotzig, denn obwohl sie erstaunt sind über ihre Antwort – das hat sie nämlich noch nie gesagt – hören sie nicht auf zu fliessen und sagen die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, die Zeit vergeht. Heute sind die Wellen mein Anker, denkt sie. Natürlich ist ihr klar, dass Wasser nicht ein Anker sein kann, aber das ist ihr egal. Sie hat ja früher auch schon gewusst, dass ein Fisch nicht durch das Sternenmeer schwimmen kann und hat es trotzdem immer wieder versucht. Bereut hat sie diese Versuche nie. Sie steht auf bedankt sich höflich bei den Wellen und trotzdem auch bei den Sternen für das Gespräch. Sie fühlt sich zwar immer noch wie ein Weder-Fisch-noch-Vogel ohne Flügel und ohne Kiemen, aber vielleicht sollte sie einfach einmal versuchen durch das Wasser zu fliegen, anstatt durch den Himmel zu schwimmen. Ein Versuch wäre es auf jeden Fall wert, denkt sie und geht.


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Dienstag, 2. Dezember 2008

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Sweeeeeet




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Montag, 1. Dezember 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Nei, Nei, Nei

In der einen Hand die neuen Bilder und die hundert kleinen Hefte mit der Geschichte zu den Bildern, gut verpackt in einer Plastiktüte, in der anderen Hand die Trainingstasche und einen duftenden Gemüsekuchen. Ich bin hungrig an einer Bäckerei vorbei gegangen. Dem Kuchen konnte ich unmöglich widerstehen - auch wenn ich schon beim betreten des Ladens etwas verwirrt überlegt habe, wie ich den während dem Gehen mit zwei bepackten Händen essen sollte. Ich musste den Kuchen haben, so einen warmen, duftenden Gemüsekuchen mit Lauch, Broccoli und Käse. Nun gehe ich also mit knurrendem Magen Richtung Bahnhof, in der einen Hand die Arbeit, in der anderen Hand die Trainingstasche und eben den blöden Kuchen. Nur noch fünf Minuten bis zum Bahnhof, denke ich und mein Bauch faucht zurück. Noch fünf Minuten, dann kann ich abbeissen, versuche ich meinen Magen zu beruhigen, aber das Knurren, das zurückkommt, klingt ziemlich wütend und auffordernd. Ich weiss, ich muss ihn ignorieren und mich meinen Gedanken widmen. Mit Worten ist der Magen nicht mehr zu besänftigen. Die Abstimmungen sind vorbei und es bleibt beim Alten. Mir säge immer nume nei, nei, nei, nei. I gloube, dass es angers grad gar nid geit. Mit Fortschritt hei mirs öpe angers gmeint (Zitat: Männer am Meer, 2x Nei) Die Hälfte der Kiffer hat vergessen abzustimmen. Sie haben vergessen, dass das Abstimmungswochenende schon gestern war. Ou shit, isch das jtz scho düre...? Mhm, und die Initiative wurde abgelehnt. Die Kiffer haben vergessen abzustimmen. Sie haben vergessen, dass es in der gestrigen Abstimmung ums Kiffen ging un das das eventuell noch wesentlich sein könnte. Oder war es ihnen egal? Isch mir doch öpe glich, öb ds Kiffe legal oder illegal isch. I kiffe ja so oder so. Ja dann... Oder wir machen es einfach so wie die Polizei gesagt hat, als sie einen 3o jährigen Freund wegen einem Joint mit Handschellen abgeführt haben: Jtz suuffisch eifach eine, zwe meh, anstatt z kiffe! Mhm, das ist jetzt einmal eine progressive Idee. Die Polizei hat die Einnahmen von Bussen auf Ende Jahr doch noch ein bisschen erhöhen können, wir trinken einfach zwei, drei Biere mehr und wenn wir dann auf die offene Strasse kotzen, können sie gleich noch einmal eine Busse einziehen, wahrscheinlich einfach ohne Handschellen. Hauptsache die Droge ist legal. Dann unterbricht wieder das Knurren meines Magens meine Gedanken. Er muss sich immer wieder einmischen. Ich gehe schnurgerade durch das Gedränge in der Stadt und blicke auf den Boden. Ich sehe Menschenbeine, ausweichende Menschenbeine und denke an meine ersten Versuche, mich durch den Bahnhof Zürich zu kämpfen. Ich bin aus dem Zug gestiegen und wollte zur Schule während der Zürcher Rushhour. Menschenkörper spülten auf mich zu, überschwemmten mich. Der überwältigende Menschenfluss aus Menschenkörper drängte mich in die Richtung zurück, aus der ich gekommen war - zurück nach Zürich West (Altstetten, wo ich gewohnt habe, ist in Zürich West, Anm.d.Red). Ich versuchte auszuweichen, weil ich in die Gegenrichtung schwimmen wollte. Das war kein respektvolles Ausweichen, wie man das vor älteren Menschen tut. Ich wich Menschen jeden Alters aus und mein Ausweichen glich mehr einer Flucht, gleich einem Reh, das dem gefährlich glänzenden Lauf des Gewehrs zu entrinnen versucht. Manchmal bin ich extra nicht ausgewichen - wenn ich in wütender Stimmung war. Das hat aber jedes Mal in einem Desaster geendet: Ein Zusammenstoss, Flüche aus zwei Richtungen (aus Zürich Ost und West) und ich war danach noch wütender als zuvor. Immer musste ich schlängeln. Nie konnte ich den schnellsten, den geraden Weg durch die Masse nehmen. Ich war zu einem Ausweicher geworden. Ein Ausweicher, der weicht vor Gross, Klein, Alt und Jung. Irgendwann - vielleicht nach einem Jahr in der vermeintlichen Hauptstadt der Schweiz - habe ich angefangen diese schier unerträgliche Situation zu analysieren und dabei ist mir aufgefallen, dass die Menschen, die den geraden Weg wählen und durchziehen können, die schauen irgendwo hin, aber nie in die Augen - überhaupt nie in die Augenhöhe - der fliessenden Masse. Ich habe das ausprobiert. Ich habe in den Himmel geguckt, wie der Hans (Hans guck in die Luft, Anm.d.Red). Ich habe nach links geschaut, wenn die Leute von rechts auf mich zuströmten. Ich habe nach rechts geschaut, wenn die Leute von links kamen. Ich habe auf den Boden geschaut und ich sah die Menschenbeine, wie sie wichen. Ich habe auch probiert auf Augenhöhe ins Leere zu schauen. Ich habe den Blick auf Unscharf gestellt, wie wenn ich die verstecken Bilder in das magische Auge finden wollen würde. Auch das hat funktioniert - meistens. Die Menschen haben wahrscheinlich realisiert, dass ich sie nicht wahrgenommen habe, dass ich sie ignoriert habe - wie ich meinen Magen ignoriere. Sie wichen mir aus. Zusammenstösse erlitt ich nur noch selten und nur mit Neulingen im Bahnhof, der nur Rushhours kennt. Die Flüche nach dem Aufprall waren selten Züridütsch, sondern klangen meist nach Berndeutsch (du blöde Gigu - du blöder Penis), Welsch (casse-toi - verzieh dich), Bündnerdeutsch (abfahra - hau ab) oder Deutsch (fick dich ins Knie - schlaf mit deinem Knie), Baslerdeutsch (du blöde Sagg - du blöder Sack) und so weiter und so fort. Ich setze mich auf die Bank auf Perron 2, stelle die Taschen auf den Boden und reisse das Papier vom Gemüsekuchen und will endlich beissen. Das ist ja gar kein Gemüsekuchen. Das ist ein Käse-Speckkuchen. Ich entferne den Speck Stück für Stück (Ich bin Vegetarier). Als ich in den mittlerweile lauen Kuchen beisse, stelle ich mir vor, es wäre der duftend heisse Gemüsekuchen aus meinen Gedanken und denke, mit Ignoranz kommt man weit. Man kann damit Hunger unterdrücken, ein speckloser Speckkuchen in einen Gemüsekuchen verwandeln, Menschen zum Ausweichen zwingen und immer zu allem NEI sagen.


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Donnerstag, 27. November 2008

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In Memoriam Bo, Ibbo, Zauber-Bo & Michael

Gestern war ich beim Hautarzt. Das Muttermal am Bauch hat sich immer wieder entzündet, seit Jahren - besonders im Winter, wenn die vielen Kleiderschichten daran gescheuert haben. Ich habe es Dr. Kunz gezeigt. Es sei ein harmloses Mal, hat er gemeint, aber er könne es schnell entfernen und jetzt gleich. Jetzt gleich? Tut das nicht weh? Habe ich gefragt. Das ist eines meiner Lieblingsmuttermale, es heisst Zauber-Bo. Habe ich gedacht.

Als ich drei Jahre alt war, haben meine Freunde Stöffi, Thommi, Chligi, Maac, Andlea und Jan geheissen. Und dann hatte ich noch unsichtbare Freunde. (Hat eigentlich jedes Kind unsichtbare Freunde?) Meine unsichtbaren Freunde - ich hatte deren Vier - hiessen Bo, Ibbo, Zauber-Bo und Michael. Eigentlich waren sie gar nicht unsichtbar. Es hat sie einfach nie jemand anderes gesehen. Ich weiss nicht mehr viel von ihnen. Sie waren meine Freunde, meine Brüder, Söhne. Ich habe ihnen leere Teller zum Hauseingang gestellt, orange und gelbe Plastikteller, damit sie ungestört von Erwachsenen essen konnten, und ich weiss noch, dass Zauber-Bo zaubern konnte. Einmal, als er wütend war, hat er mich in Nyffenegger’s Garage gezaubert, in die dunkle Garage unserer Nachbarn. Darin hatte es Eulen mit giftig gelben Augen, die mich aus der Dunkelheit angefunkelt haben. Sie wollten mir mit ihren Krallen die Augen ausstechen. Zauber-Bo hat abgeschlossen, das Tor und die Seitentür. Ich hatte grosse Angst und war wütend über Zauber-Bo. Die anderen drei wollten mir helfen, aber sie konnten nicht, weil sie nicht zaubern konnten. Ich auch nicht. Ich musste warten, bis mich jemand befreit hat. Bis zu diesem Vorfall habe ich sie alle vier gemocht, jeden auf seine Art. Bo war einfach Bo, der Älteste. Ibbo und Michael waren beide schüchtern, aber Zauber-Bo wurde immer aufmüpfiger. Wenn es nicht nach seinem Kopf ging, hat er mich einfach weggezaubert oder er hat meine Spielsachen geklaut - natürlich auch durch Zauberei. Zum Beispiel hatte ich drei Holzfiguren, zwei gelbe mit schwarzen Haaren und eine graue mit braunen Haaren. Marcä habe ich sie alle drei genannt (was wahrscheinlich das Plural von Marc sein soll, Anm.d.Red). Auf einmal waren nur noch zwei Marcä da. Jahre später, als Zauber-Bo schon längst über alle Berge war, hat meine Grossmutter diesen gelben Marc im Garten ausgegraben. Die Figur war abgeschabt und verblichen. Ich habe sie mit Filzstiften wieder angemalen, aber richtig schön wurde dieser Marc nie wieder... Mir war sofort klar, dass musste Zauber-Bo gewesen sein, der meinen Marc in die Erde gezaubert hat. Wie sonst kommt eine kleine Holzfigur in ein Gemüsebeet? Zauber-Bo wollte mich ärgern. Er war schon immer der frechste, aber am Anfang hat er die Zauberei positiv für mich eingesetzt - dafür habe ich ihn ursprünglich erfunden - aber das Ganze ist mir manchmal aus dem Ruder geraten, besonders als sie älter wurden, als ich älter wurde. In diesen Momenten habe ich die Idee mit der Zauberei verflucht. Bo, Ibbo, Zauber-Bo und Michael waren nicht immer bei mir. Sie waren plötzlich da, und genau so schnell, wie sie gekommen waren, konnten sie auch wieder weg sein. Sie kamen nur, wenn ich alleine war. Wenn andere Menschen in meiner Nähe waren, egal ob Erwachsene oder andere Kinder, haben sie sich versteckt und Zauber-Bo hat sich unsichtbar gemacht. Deshal habe ich ihr Verschwinden zuerst gar nicht bemerkt. Irgendwann sind sie einfach nicht mehr gekommen. Sie waren weg - alle vier. Als mir ihre Absenz bewusst geworden ist, war mir sofort klar, dass sie nie wieder zurückkommen würden. Ich habe sie aber nie vermisst. Ich habe an sie gedacht, manchmal, mich etwas leer gefühlt ohne sie. Aber vermisst habe ich sie nicht. Sie sind gegangen, als sie genug alt waren, um zu sich selber zu schauen. Sie sind gegangen, als ich genug alt war, ohne sie auszukommen. Oder habe ich sie selber weggeschickt?

Zu ihrer Erinnerung habe ich dann meine Lieblingsmuttermale nach ihnen benannt. Damit sie wissen, dass ich an sie denke. (Blöderweise hatte ich nur drei Lieblingsmuttermale und eigentlich vier unsichtbare Freunde... Wenn aber einer der Vier Verständnis für diese missliche Lage haben würde, dann war es Michael. Das war mir klar. Und ausserdem gibt es Menschen mit dem Namen Michael wie Sand am Meer, was man von Bo, Ibbo und Zauber-Bo nicht gerade behaupten kann. Deshalb gibt es kein Muttermal mit dem Namen Michael.) Das Muttermal neben meinem rechten Auge heisst nun also seit diesem Tag, seit etwa 24 Jahren Bo. Das über meinem rechten Mundwinkel heisst Ibbo und das am Bauch ist Zauber-Bo.

Jetzt lag ich auf den Schragen. Ich habe mich nicht getraut Dr. Kunz zu sagen, dass ich an diesem Muttermal hänge. Was hätte ich sagen sollen? Sie dürfen Zauber-Bo nicht entfernen, das ist mein Lieblingsmuttermal. Ich will mich zuerst noch verabschieden. Dr. Kunz hat mir alles erklärt (dass er es zuerst betäubt und dann erst wegschneidet, wenn es nichts mehr spürt). Ich habe noch einmal nach unten geschielt. Ich habe es noch einmal berührt, als niemand geschaut hat. Eine brennende Spritze stach unter die Haut, unter das Mal, unter Zauber-Bo. Die Haut ist angeschwollen zu einem Hügelchen. Ein Skalpell schnitt die dunkle Erhebung weg. Es wurde ausgelöscht, er wurde ausgelöscht. Da wo einmal Zauber-Bo war, ist jetzt eine Wunde, ein Loch. Ich habe mich nicht getraut Dr. Kunz zu fragen, ob ich Zauber-Bo mitnehmen darf, in einem Glas wie die ersten ausgefallenen Zähne. Was hätte ich sagen sollen? Ich will die sterblichen Überreste vom Zauber-Bo-Muttermal in einer kleinen Urne mitnehmen. Und jetzt liegt das Mal irgendwo in einem Abfallsack. Wahrscheinlich ist es tot. Ehrlich gesagt, glaube ich nämlich nicht, dass ein Mal ohne Mensch weiterleben kann. Aber wahrscheinlich ist Zauber-Bo sowieso schon damals gestorben, als ich vier war und er verschwunden ist, und das Muttermal war längst nur noch ein Mahnmal, Mahnmale für die drei Bo's. Jetzt ist die Wunde - später die Narbe - das Mahnmal an das Zauber-Bo-Muttermal-Mahnmal. Trotzdem, ich fühle mich etwas leer ohne Zauber-Bo, fast so, als hätte er mich gestern noch einmal verlassen.


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Dienstag, 18. November 2008

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Zimmer Nummer 128

Check-in 24h stand auf einem grünen Schild an der Eingangstür. Ich trat ein und stand in einem langen, leeren Gang erhellt durch grelles Glühbirnenlicht - kein Fenster. 24 Stunden Check-in und 24 Stunden das gleiche Licht, dachte ich. Meine letzte Nacht in Skandinavien habe ich in einem Instant-Hotel verbracht, ein Hotel direkt am Flughafen, ein Nicht-Ort (Marc Augé: Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit. S. Fischer, Frankfurt 1994.), ein Transitraum. Ich habe niemandem gesagt, wo ich übernachte. Ich habe die Stadt schon am Abend verlassen, weil ich am nächsten Tag früh abfliegen musste. Ich hatte keine Lust mehr auf eine einsame Shopping-Tour und war schon am späteren Nachmittag aufgebrochen zum Flughafen. Niemand wusste, wo ich war. Ich wusste selber nicht mehr, wo ich war, ob ich überhaupt noch war, oder ob ich während dem Wechsel von einem Ort zum Nicht-Ort irgendwo hängen geblieben war. Ich bekam von einer schönen, unfreundlichen Dame am Ende des langen Gangs eine Karte mit der Nummer 128, meine Zimmernummer. "On the left side", sagte die Dame und zeigte in eine Richtung. Es gab keine weiteren Erklärungen, nur die Karte mit der Nummer und eine Richtungsangabe. Ich war froh, dass die Dame unfreundlich war, das liess mich darauf schliessen, dass sie keine Instant-Dame war, sondern ein menschliches Wesen und ich mich wahrscheinlich nicht irgendwo zwischen den Realitäten befinden konnte. Ich nahm die Karte und drehte mich zum Gehen um. Ein grauer Mann stand hinter mir. "One night? Number 129" sagte die Dame. 102, 104, 106...126, 128. Ich, die Nummer 128 schleppte meine Koffer zu meiner Tür und trat ein. Ein weiterer leerer Raum tat sich vor mir auf - eine nackte Röhre an der Deckenmitte, wieder kein Fenster. Ich drückte auf den Lichtschalter. Entblössendes, wütendes Licht schlug auf die nackten, fahlen Wände und prallte auf meiner Netzhaut auf. Ich zog das Bett aus der Wand. Ein Wandschrankbett, dachte ich. Einen Tisch konnte man auch aus der weissen Wand ziehen und es hatte einen Stuhl, aber kein Bild, keinen Spiegel, nur der Stuhl, weisse Wände und Wandschränke - wer hier wohl seine Kleider in den Schrank einräumt? Ich fühlte mich in diesem Raum wie ein Instantkaffeekorn in einer sonst leeren Neskaffee-Dose. Eine Türe führte in das Instant-Badezimmer, so gross wie ein halbes Zugabteil, wie ein Lift. Ein Duschschlauch, ein Klo, ein Lavabo. Am Lavabo konnte man einstellen, ob das laue Wasser aus dem Hahn oder aus dem Duschkopf fliessen sollte. Duschen musste man gezwungenermassen sitzend auf dem Klo, eingeklemmt zwischen Klodeckel und Lavabo. Instant-duschen nennt man das wahrscheinlich oder einfach Multitasking: scheissen und duschen gleichzeitig. Das habe ich vorher noch nie gemacht. Der Nicht-Ort hatte auch einen Vorhof, einen Rasen mit einer Holzbank und Sicht auf die Autobahn, auf deren anderen Seite eine backsteinrote Ruine zu erahnen war. Ich habe mir einen lauen Instant-Kaffee mit Milch - Instant-Kaffe kann ich nur mit Milch trinken - und Zucker aus dem Automaten neben der unfreundlichen Dame am Ende des Gangs geholt, und da sass ich nun und fragte mich, wer schon sonst alles auf dieser Bank gesessen hatte. Wer war schon hier im Nirgenwo? Vielleicht war ja noch gar nie jemand anderes da, als die Leute, die in dem Moment da waren, weil ich nie irgendwo anders jemals existiert habe, als hier. Vielleicht sass ich schon immer auf dieser Bank, an diesem Nicht-Ort, in der Hand den weissen Plastikbecher mit dem lauen Kaffee und in mir Erinnerungen, die mich glauben lassen, dass ich an einem Ort ein Leben habe. Kneifen tat zwar weh, aber es nützte nichts. Ich sass danach immer noch am selben Nicht-Ort und wusste nicht, ob ich wirklich war. Ich hätte jemanden anrufen können, fragen, ob ich ein wirkliches Leben habe. Das tat ich aber nicht. Ich fühlte mich irgendwie gut als Instant-Kaffeekorn alleine in der leeren Dose. Wenn es ein ein Nichts gibt, dann muss es da so aussehen wie hier am Nicht-Ort, dachte ich, schlürfte den Kaffee aus und ging zurück in das Zimmer Nummer 128.


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Freitag, 14. November 2008

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40 Längen à 25 Meter

Ich habe mich nicht so gut gefühlt, nicht krank oder so, einfach nicht so fit. Sport würde vielleicht gut tun, etwas Bewegung und abschalten. Ich könnte schwimmen gehen, nach Heimberg ins Hallenbad. Beim Schwimmen kann ich gut die Gedanken an den Alltag ausschalten. Einen Kilometer schwimmen. Das wird bestimmt die müden Geister aus meinem Körper vertreiben. 25 Meter ist das Schwimmbecken lang, 40 Längen, um einen Kilometer zu erschwimmen. Ich springe ab, tauche ins Wasser. Befreiend! Chlorig. Ich öffne die Augen. Ich sehe mit meiner Schwimmbrille lose Haare. Ich denke an die Kinderpisse im Becken und ich sehe Papierfetzchen, undefinierbare Gegenstände - UFOs? Wohl kaum, dann eher U-Bote. Ich schwimme und zähle. Eins, eins, eins... Bei jedem Auftauchen hole ich Atem und zähle eins, eins, eins, eins, eins, eins, eins, eins, eins, eins, eins, eins, eins, eins, eins, eins, eins... Wenden und zwei, zwei, zwei... Ich vergesse alles, sehe die undefinierbaren Objekte nicht mehr, denke nichts mehr, nur zwei, zwei, zwei bei jedem Atemzug zwei, zwei, zwei und wenden drei, drei, drei...

...neununddreissig, neununddreissig, neununddreissig und wenden, gleich geschafft. Ich spüre das chlorige Wasser. Ich sehe die hässlichen Haare und die U-Bote. Ich denke an die Pisse im Wasser. Die letzte Länge ist eine Qual.


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GabeL-Links,
MesseR-Rechts

„Du hast den Gürtel falsch rum an.“ Sagt Stefan. Den Gürtel kann man falsch anziehen? Das wurde mir noch nie gesagt. „Die Frauen tragen den Gürtel rechts herum und Männer links. Die Hosen, die Hemden, alle Knöpfe sind bei Damen- und Herrenkleidern verschieden herum angenäht.“ Ich habe verglichen. Es stimmt.

Es gibt schon so viele Sachen, über die ich mir am frühen Morgen Gedanken mache - welche Schuhe, welche Schuhe, welche Schuhe soll ich heute anziehen? Wie soll ich noch ein weiteres Problem mit einbeziehen, wie ich den Gürtel anziehen muss? Wenn mir das anerzogen worden wäre, würde das heute wahrscheinlich automatisch gehen. Den Gürtel einfädeln und richtig. Aber jetzt... Jetzt gibt es tausend Fragen... Welche Seite ist die rechte? Oder sagte er die Linke? Und von welcher Seite gesehen ist die linke (oder die rechte) Seite gemeint, von mir aus oder aus dem Standpunkt des Betrachters gesehen? Wenn ich den Tisch decke, denke ich „GabeL-Links, MesseR-Rechts.“ und „Man grüsst mit der rechten Hand.“ Ich fühle die Gruss-Hand und lege das Messer auf die rechte Seite des Tellers - vom Standpunkt (Sitzpunkt) des Essers aus gesehen, meine ich. So schlimm ist meine Rechts-Links-Verwirrung. Ich habe dafür andere Stärken! Ich kann mir zum Beispiel ganz viele Zahlen merken. Mein Kopf ist voller Zahlen, Nummern, Geburtsdaten, Telefonnummern... Die Stärken und Schwächen liegen, wie sie liegen - eher schlecht für mich. Somit zurück zum eigentlichen Problem, der Gürtel. Bis jetzt habe ich den Gürtel einmal so getragen, einmal so. Es ist mir auch schon aufgefallen, dass es verschieden ist, zum Beispiel wenn ich dringend auf die Toilette musste, immer zuerst schauen, auf welcher Seite, mit welcher Hand ich die Schnalle lösen muss. Aber diesen Blick habe ich mir gut antrainiert. Die Kombination Blick-Griff geht mittlerweile schnell und ohne gross darüber nachzudenken. Aber jetzt hat Stefan gesagt, Frauen sollen den Gürtel rechts herum tragen, glaube ich. Also wenn man etwas rechts herum tragen kann, dann muss das Etwas ein Vorne und ein Hinten haben, damit man weiss, was rechts herum gehen muss. Denn wenn es kein definiertes Vorne und Hinten gibt, wie bei einer Schnur, kann man entweder mit dem einen Ende rechts herum oder mit dem anderen Ende rechts herum. Es kommt auf das Selbe heraus. Das eine Ende ist zwar dann links, das andere rechts und umgekehrt, aber das spielt keine Rolle, weil beide Enden gleich aussehen und gleich funktionieren, was man von einem Gürtel nicht behaupten kann. Wenn man mit einem Gürtel - von dem mir nicht per Definition klar ist, was vorne und was hinten ist - mit der Loch-Seite vorne rechts herum geht, ist die Lochseite am Ende links und die Schnalle rechts. Macht man es umgekehrt und geht mit der Schnalle voran rechts herum... Man kann gar nicht mit der Gurtschnalle voran in die Ösen einfädeln... Aber wer sagt überhaupt, dass „rechts herum tragen“ heisst, dass ich rechts herum einfädeln muss? Vielleicht muss auch einfach die Gurtschnalle, die wahrscheinlich ausschlaggebend ist für das „Rechts-herum-tragen“, da ein Gürtel an eine Schlange erinnert. Die Schnalle ist markant, wie ein Kopf, das lange Leder- oder Stoffteil ist der Körper, der Schwanz. Der Kopf ist der Vorderteil (Gegenteil von Hinterteil, was hinten ist) des Lebewesens, folglich muss beim Gürtel die Schnalle vorne sein, das Vorne des Gürtels, der Kopf, eben das Ausschlaggebende für das "Rechts-herum-tragen". Wenn ich also mit dem Gürtelschwanz rechts herum einfädle, habe ich am Ende die Gurtschnalle auf der rechten Seite und trage den Gürtel rechts herum! Aber von welchem Standpunkt aus gesehen ist rechte Seite gemeint? Wahrscheinlich von meinem Standpunkt aus, nehme ich an. Will ich aber den Gürtel rechts herum tragen, so wie es richtig ist? Ich bin von Grund auf ein Trotz-Mensch. Ich trotze dem Wind, der Kälte und ich trotze manchmal auch einfach so, ohne Wind und Kälte. Nun muss ich mir wahrscheinlich jeden Tag überlegen (das mache ich sonst auch, aber weniger definitiv), ob ich trotzig sein will oder angepasst - je nach Tag, je nach Laune, je nach Schuh. Schlussendlich ist die Gürtelrichtung dann mitverantwortlich, was ich für eine Laune habe. Ziehe ich den Gürtel links herum an, stelle ich mich auf einen trotzigen Tag ein, und immer wenn ich aufs Klo gehe, wird mir meine trotzige Laune wieder bewusst gemacht, durch den Schnallenkopf der Schlange, die mich von links unten angrinst, wenn ich die Blick-Griff-Kombination ausführe. Wenn ich meine üble Laune vergessen habe, werde ich spätestens beim Blickkontakt mit der trotzigen Schlange daran erinnert, dass ich heute trotzen wollte. Und ich würde wieder trotzen. Die Schlange beisst sich in ihren eigenen Schwanz - nur ist in diesem Fall nicht nur der Gürtel die Schlange, die sich mit der Kopfschnalle in den Lochschwanz beisst, sondern auch ich bin eine... Ich bin in einem Teufelskreis, und wir sind bei der finalen Frage angelangt: Was war zuerst? Die Laune oder die Gürtelrichtung, das Huhn oder das Ei? Alles nur wegen dieser Gürtelrichtungsregel... Und überhaupt weiss ich eigentlich gar nicht mehr, ob Stefan gesagt hat, die Frauen Tragen den Gürtel rechts herum. Vielleicht war es auch links!


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Donnerstag, 13. November 2008

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T' Pea Spock

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Mittwoch, 5. November 2008

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Für alle Rölfe

Menschen haben Namen – wie die Berge werden sie benannt, damit man sie unterscheiden kann. Es gibt aber nicht so viele Namen, wie es Menschen gibt. Deshalb gibt es mehrere Menschen, die denselben Namen haben. Ich alleine kenne etwa zehn Leute, die Andrea heissen, acht heissen Michael, vier Rahel und drei haben den Namen Rolf. Was nun, wenn man mit mehreren Menschen gleichzeitig zusammen ist, die denselben Namen tragen? Zuerst einmal stellt sich das Problem, wenn man nur einen bestimmten Rolf rufen will und alle drei mit diesem Namen schauen einen an. Wen meinst du, fragen ihre Augen. Aber das grössere Problem stellt sich, wenn ich alle drei mit dem Namen Rolf rufen will. Was ist das Plural von Rolf? Bleibt Rolf im Plural Rolf, oder wird Rolf in der Mehrzahl zu Rolfe, zu Rolfs, oder Reuf (sprich Röif)? Ich nehme an, beim Rolf verhält sich wie beim Wolf: ein Wolf - viele Wölfe, ein Rolf – viele Rölfe. Und ich rufe das ganzen Rudel, das Ruldel Rölfe.


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Mein erster Fotoapparat - eine kleine Geschichte von Bildern, ein Nachtrag


1984 mit meinem ersten Fotoapparat, scheint eine Kodak-Instamatic zu sein!


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Der Schlangentanz

Orange Körbe folgen den Damen durch die Regale - Damen mit leuchtend Migros-orangem Korb an der Leine. Wie kleine Glühwürmer streifen die Körbe umher, bleiben abrupt stehen, wenn ihr Frauchen stehen bleibt, gehen weiter, wenn wieder an der Leine gezogen wird, drehen sich im Kreis, bäumen sich auf, stossen an Regale, weichen einander aus - wie ein wilder, oranger Tanz, wie eine Karussellfahrt. Hier tanzt eine Milch mit durch die schmalen Gänge. Sie tanzt mit zum Gemüsegestell - warten, drehen, wieder warten, einen Schritt zurück, einen nach vorne. Eine Gurke, sie steigt ein. "Das isch der Schlange ihre Tanz. Si chunnt vom Bärgli abe. Si het verlore ihre Schwanz u möcht ne wider ha. Drum säg du mir, bisch du nid ou es chlises Stückli vo mim Schwanz? Hoi!" Die vier Tomaten am Stiel müssen mit ja geantwortet haben auf das Schlangen-Lied. Sie gesellen sich zu der Milch und der Gurke und fahren weiter Karussell, zu den Früchten. Als Kinder haben wir dieses Spiel manchmal gespielt, im Kindergarten oder an Geburtstagsfesten. Zuerst ist ein Kind die Schlange. Alle singen das Lied und das Schlangen-Kind muss im Kreis gehen, dann bleibt es vor einem anderen stehen und fragt, ob es nicht auch ein Stück seines Schwanzes sei. Wenn das andere Kind ja sagt, was die meisten Kinder tun - ausser der Jan, der hat immer nein geantwortet - geht die Reise weiter im Kreis bis alle Kinder - ausser Jan - in die Schlange aufgenommen worden sind. "Das isch der Schlange ihre Tanz. Si chunnt vom Bärgli abe. Si het verlore ihre Schwanz u möcht ne wider ha. Drum säg du mir, bisch du nid ou es chlises Stückli vo mim Schwanz? Hoi!" Zwei Pflaumen, vier Mandarinen, eine Kiwi und es geht wieder weiter - wahrscheinlich zum Fleischregal. Ich frage mich, ob es unter den Esswaren auch Jan's gibt, die nicht einen Teil des Schlangenschwanzes sein wollen - vielleicht die Birnen? Ich gehe auch weiter. Den Korb mit den singenden Esswaren habe ich aus den Augen verloren. Ich gehe zur Kasse, den Chipssack mit beiden Händen umklammert. Wieder eine Schlange - Eine Schlange von Damen mit orangen Tierchen. Nur eine Schlange, zehn Kassen. Wie ein Reissverschluss, der sich auf zehn Seiten öffnen lässt, trennt sich am vorderen Ende die nervöse Schlange. Sie spickt die kleinen Tierchen aus, auf die Förderbänder. Milch, Gurke und die Tomaten steigen aus, und jetzt liegen sie da, als wären sie nie mitgetanzt mit den Körben, den Karussellen, als hätten sie nie das Schlangen-Lied gesungen. Sie liegen da - und lassen sich bezahlen.


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pinker_schlüsselbund.real

Ich Ich suche ein Bild, das Bild mit dem Regenschirm: roter_regenschirm.tif, enter, Suche auf Computer. Die Suchmaschine findet roter_regenschirm.tif im Ordner Herbstferien 2007, unter Meine Dateien, Privates 2007. Was macht roter_regenschirm.tif in diesem Ordner? Egal. Ich verschiebe das Bild dahin, wo es hingehört, Meine Dateien, Projekte, Von_Felten_Welten.

Ich suche einen Neuen Scanner. Ich suche, ich google Epson, Flachbildscanner, Seiten aus der Schweiz, enter, 146'000 Ergebnisse. Ich suche mein Handy. Ich suche meinen i-Pod. Ich suche mein Portemonnaïe, meine Tasche, die Sonnenbrille, den blauen Pulli. Ich suche und suche...

Heute suche ich die Schlüssel. Ich gebe ein: Schlüsselbund, pinkes Schlüsselband, 8 Schlüssel. Ich klicke an: Zuletzt gesehen um 14 Uhr. Suche in gesamter Wohnung, enter, 0 Ergebnisse... Scheisse! Diese blöde Reality-Suchmaschine funktioniert nicht! Suche erweitern auf: Gesamtes Haus, Strasse, Stadt, Schweisz, Welt, Weltall (nur für Weltraumturisten), klicken sie gewünschten Suchbereich an! Gesammtes Haus, enter, 2 Ergebnisse. Beim ersten Ergebnis stimmen alle angegebenen Worte überein: Das gesuchte Objekt befindet sich in der Wohnung 2. Stock rechts, auf Küchentisch. Das kann ja gar nicht sein! Ich wohne im Parterre in der linken Wohnung. Dann müsste mir jemand den Schlüssel gestohlen haben, aber ich habe ja noch damit die Türe geöffnet... Beim Ergebnis zwei stimmt ein Wort nicht überein: Schlüsselbund rosarot, das gesuchte Objekt befindet sich im Schlüsselloch an der Aussenseite der Tür, parterre Wohnung links. Dann ist das Band meines Schlüsselbundes halt rosarot!

Nach langem Suchen und Nachdenken finde ich meine Sachen immer. Ich drehe die Handtasche auf den Kopf, leere den gesammten Innhalt, meist relativ energisch, auf den Boden und finde - auch ohne Reality-Suchmaschine. Aber es wäre bequemer mit Suchmaschine, vermutlich auch schneller und sicher weniger Nervenaufreibend. Ich müsste meine Wohnung und meine Taschen einfach mit Kameras ausstatten, die jeden Winkel aufnehmen - wie im Big Brother-Container. Draussen in den Strassen, in den Kaufhäusern, Bahnhöfen, Flughäfen wären die Kameras schon vorhanden. Eigentlich könnte man dann nichts mehr verlieren, verlegen. Die Reality-Suchmaschine - dahinter ein System von Kameras - kann alles zurückverfolgen. Wahrscheinlich müsste man aber zuerst alle Gegenstände registrieren, wie die Menschen. Dafür könnte man das System der Supercard und der Cumulus-Karte anwenden. Dazu bräuchte man Codes... Vielleicht ginge aber auch eine rein visuelle Registration. Dann könnte man seine eigenen Gegenstände benennen, um die Suche zu erleichtern:
handy.real,pinker_schlüsselbund.real,blauer_pulli_6.real,schwarze_schuhe_1.real,schwarze_schuhe_2.real, schwarze_schuhe_3.real... Naja, vielleicht bräuchte man auch einfach Bilder der Gegenstände (zumindest für die Schuhe). Die Voraussetzungen für eine Reality-Suchmaschine wären also gegeben. Ich müsste die Idee nur noch ein bisschen ausfeilen und umsetzen. Aber den Schlüssel habe ich ja jetzt auch so gefunden. Die Nachbarin hat geklingelt und gesagt: "Das gesuchte Objekt, pinker_schlüsselbund.real, befand sich im Schlüsselloch an der Aussenseite der Tür ihrer parterre Wohnung." Merci, enter.


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Samstag, 1. November 2008

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Fotografieren kommt aus dem Griechischen


Fotografie ist ein mit Licht geschriebener Brief. Ich schmelze dahin, als ich das lese und beschließe, diesen Satz am nächsten Tag an die Schul-Wandtafel zu schreiben - neben die Worte in roten Buchstaben, die nie ausgewischt werde dürfen fotografieren ≠ fötele. Ich schreibe oft Zitate über Fotografie an die Tafel. Sätze, die mir gefallen. Ich weiss nicht, ob die Schüler meiner beiden Klassen sie überhaupt lesen. Das ist auch egal! Ich freue mich selber am meisten über die weißen Worte der Liebhaber der Fotografie an der schwarzen Tafel - schöne Worte und keine mathematischen Formeln, oder fremdsprachiger Wortschatz wie im Gymnasium!

Eine Hand schnellt in die Höhe. Sie gehört zu einem rothaarigen Jungen mit Rastas. Die einzige Bewegung in der Klasse. Nur ein Schüler hat schon einmal einen Film selber entwickelt. Siebzehn ratlose Augenpaare schauen mich an. „Hat überhaupt schon einmal jemand auf Film fotografiert?“ Keine weitere Hand. „Gut, dann einmal ganz von vorne: Früher, als es noch keine Digitalkameras gegeben hat, musste man einen Film, der Vorgänger des Chips in die Kamera einlegen. Das Licht schreibt sich auf das lichtempfindliche Material ein. Man nennt diese Technik analoge Fotografie.“ „Das isch ja huere müehsam! Darfi nid mit mire Digicam fötele?“ Fötele... Wie eine kalte Dusche fühlt sich dieses Wort an, eine Eiskalte Dusche im Winter! Ich drehe mich zur Wandtafel, zu den roten Worten fotografieren ≠ fötele und sehe den Satz Fotografie ist ein mit Licht geschriebener Brief...

'Wer hat schon einmal einen Brief von Hand geschrieben' Benedikt wäre wahrscheinlich wieder die einzige, der seine Hand hochstrecken würde, wenn ich diese Frage wirklich stellen würde. 'Gut, dann einmal ganz von vorne: Früher, als es noch kein Internet gegeben hat, kein Handy, haben sich die Menschen Briefe geschrieben. Sie haben einen Stift genommen, die Worte, die ihr mit der Tastatur schreibt, auf Papier geschrieben und abgeschickt. Im Briefkasten waren damals nicht nur Rechnungen, Werbung und Zeitungen, sondern auch Karten und eben die Briefe - eigentlich analoges Kommunizieren, könnte man sagen...' 'Das isch ja huere müehsam! Es E-Mail isch vil gäbiger!'

„Regine, darfi nid mit mire Digicam fötele?“ fragt mich dieselbe Schülerin noch einmal und holt mich wieder zurück in die Realität. „Zuerst lernt ihr analog fotografieren und ausserdem fotografieret ihr im Fotografieunterricht. Ihr fötelet nicht... Fötele tut man in den Ferien. Das ist wie knipsen, herum knipsen. Beim Fotografieren sucht man ein Bild oder man stößt auf eines. Man wählt einen Ausschnitt und drückt im richtigen Moment ab. Fotografieren ist eine aktive, bewusste Handlung und fötele geschieht so nebenbei. Man knipst ein bisschen in der Umgebung herum.“

Fotografie ist ein mit Licht geschriebener Brief. Als die Schüler draußen sind - manche am fotografieren, andere am fötele -, lese ich den Satz noch einmal. Irgendwie ist die ganze Magie dieses Satzes am Arsch, denke ich. Ich wische die Buchstaben weg und schreibe „Fotografie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „mit Licht Zeichnen“ - auch schön, aber irgendwie wie eine mathematische Formel - oder eben die Übersetzung eines fremdsprachigen Wortes... Ich glaube, ich werde mir eine eigene kleine Tafel kaufen und über mein Bett hängen. Darauf werde ich meine Lieblingssätze über Fotografie aufschreiben, für mich alleine - und den Schülern werde ich einfach sagen, sie sollen nicht mehr fötele und auch nicht mehr fotografieren, sie sollen zeichnen, zeichnen mit dem Licht.


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert


Über das Abhandenkommen

von schwarzen Schirmen

Heute Morgen habe ich das zwanzigste weiße Haar auf meinem Kopf entdeckt! Das Zwanzigste! Ich habe mich frisiert. Es stand einfach so von meinem Kopf ab, in irgendeine Richtung, weg vom Kopf. Ich brauchte nicht einmal genau hinzusehen, geschweige denn jemanden zur Observierung hinzu zu ziehen, wie bei den zeunzehn vorherigen weißen Kandidaten. Dieses Haar war so eindeutig weiß. Ich habe es sofort ausgerissen, nicht mehr ganz so energisch wie meine ersten beiden weißen Haare, aber immer noch im Glaube, dass auch das zwanzigste weiße Haar nur ausversehen weiß gewachsen ist - eine ausversehene Pigmentverfärbung oder so. Keine Ahnung was es so für Gründe für ausversehen weiß gewachsene Haare gibt... Draußen regnet es. In meinem Schirmständer stehen zwei Schirme, ein roter und ein rosaroter Kinderschirm - aber kein Knirps. Wo ist denn jetzt der schwarze Knirps? Wir hatten so viele schwarze Knirpse. Ich greife nach dem roten Kinderschirm mit dem Hello Kitty. Ich muss auf den Zug, für Suchen bleibt jetzt keine Zeit. Weiße Bluse, Stöckelschuhe, roter Kinderschirm - so bin ich oft ausgegangen, vor acht Jahren. Ich mag Stilbrüche. Heute fühle ich mich aber mehr wie Mary Poppins und nicht wie eine stilbruchsichere Frau. Der Stilbruch ist irgendwie zu markant. Es sind nicht mehr bloß die Bluse und die Stöckelschuhe, die mit dem Kinderschirm konkurrieren, spielen. Da kommen auf einmal einzelne weiße Haare, die mitreden wollen und das freche Zusammenspiel der Kleider und des Schirms in eine andere Richtung drehen. Oder sind es gar nicht die weißen Haare auf meinem Kopf, sondern etwas in meinem Kopf? Der Bruch, der meinen jugendlichen Stil ausgemacht hat, hat auf jeden Fall heute eine Bruchlandung erlitten. Ich glaube, ich bin mir meinen 28 Jahren bewusst geworden. Also eigentlich habe ich schon seit einiger Zeit darüber nachgedacht - etwa beim Ausreißen des sechzehnten weissen Haares -, ob ich mich vielleicht von den Hello Kitty-T-Shirts trennen sollte, und außerdem habe ich schon vor 15 weißen Haaren alle rosaroten Teile aus meinem Schrank verbannt! Aus diesem Anlass habe ich mir dann auch vor wenigen Wochen einen schwarzen Knirps gekauft, einen schwarzer Knirps von S. Oliver für 9.90 CHFr, im LOEB. Der hat auch noch perfekt in meine Handtasche gepasst und ich war eigentlich ganz zufrieden mit dem neuen schlichteren Stil. Aber schon am nächsten Abend war er weg, verschwunden, vergessen, der Schirm. Das war bestimmt der fünfte schwarze Knirps, den ich nicht mehr mit nach Hause gebracht habe, und es waren doch die Schirme meiner Schwester... Verdammt!Meine Kinderschirme vergesse ich nie. Ob es an den Farben liegt? Vielleicht sollte ich mir einen roten Knirps kaufen, der in meine Handtasche passt. Einen roten Knirps ohne Hello Kitty. Seinen Stil dem Alter anzupassen, wenn man denn wert legt auf Stil - worüber sich bekanntlich aber auch streiten lässt - scheint gar nicht so einfach zu sein. Aber ein roter Erwachsenen-Schirm, das könnte die Lösung sein, die Lösung des Problem des Abhandenkommens der schwarzen Schirme - wahrscheinlich, wegen der unspektakulären Farbe - und die Lösung des Stilproblems. Ein roter Knirps, passend zur erdbeerroten Lppenstiftfarbe - ein Erdbeerschirm. Ich werde es ausprobieren, sobald ich einen erdbeerroten Knirps finde. Aber heute scheiße ich noch einmal auf die zwanzig weißen Haare! Die habe ich ja alle ausgerissen. Heute will ich einmal Mary Poppins sein, mit rotem Hello Kitty-Schirm, weißer Bluse und Stöckelschuhen. Noch einmal, als hätte ich das Tape ein bisschen zurück gespult, noch einmal: Film ab und Schnitt!


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Red feet




* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten

Dienstag, 28. Oktober 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Red lips




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Freitag, 24. Oktober 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Untitled

Sind es Erinnerungen oder sind es Fotos, die mich daran erinnern, dass ich mich erinnern kann? Eine schwarze Katze, die manchmal kratzt und immer zu mir kommt, wenn ich weine. Eine Birke höher als unser Haus. Das Glutzenhübeli, mein Niemandsland. Eine kleine, schwarze Kamera mit silbernem Schriftzug. Der Katzenstein, der Papagei und das Pferd, das aussieht wie eine Kuh. Das gelbe Fahrrad, der tomatenrote Gymer, der - nebenbei bemerkt - alles andere als tomatenrot ist, ein kleiner Balkon, die Elinchom Blitzlampen und viel zu viele Schuhe. Ein leicht nach vorne geneigter Gang, gaue, lange Haare, ein klarer Blick aus getrübten Augen. Bilder, verschwommen, als wären sie unscharf aufgenommen worden. Bilder, die sich vermischen durch alle Zeiten, von heute auf morgen. Geschichten, die sich mischen mit Gedanken.
Ich wollte nur noch danke sagen - danke, für die Erinnerung!


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Mittwoch, 15. Oktober 2008

Von Felten Welten-Productions* präsentiert

Mein erster Fotoapparat - eine kleine Geschichte von Bildern

Mein ein erster Fotoapparat war klein und schwarz, - wahrscheinlich eine vollautomatische Kompaktkamera - silberne parallel verlaufende Streifen, silberner Schriftzug. Die Marke weiss ich nicht. Ich konnte noch nicht lesen, als ich sie mit drei Jahren von meiner Grossmutter geschenkt bekommen habe. Sie hatte sich eine neue gekauft. Ich habe vor kurzer Zeit den ganzen Estrich meiner Eltern auf den Kopf gestellt, um diese Kamera zu finden - nichts..., nur ein Riesendurcheinander in den Kisten. Aber sie ist irgendwo! Die Kamera hatte ein Stoffband, mit dem ich sie um das Handgelenk hängen konnte, und so trug ich sie oft bei mir. Ich war stolz drauf. Wenn jemand ein Foto gemacht hat, habe ich auch eines gemacht, einfach aus einer anderen Perspektive, und ich habe meine Welt fotografiert - den Schwanz meines Schaukelpferdes, die Füsse meiner Eltern, die Bauklötze, die Decke, die Küchenschränke. Eine Welt reich an Bildern, reich an Farben. Die Welt eines Kindes, unberührt von Normen und Vorgaben. Diese Bilder... Ich denke oft daran. Noch lieber würde ich diese finden, als die schwarze Kamera ohne Namen. Ich habe sie aber nie gesucht. Sie sind nirgendwo. Schade. Schade, war nie ein Film in meinem ersten Fotoapparat.


* Von Felten Welten-Productions: Ein Non-Profit (es ist so gekommen) und No-Art-Demand (but much fun and a little narcism) Projekt von Regine von Felten